Samuel Beckett

Nobelpreis für Literatur

Dass Samuel Beckett (*1906 †1989) im Jahr 1969 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, wundert heute niemanden mehr. Schließlich hatte er sich mit seiner Prosa und mehr noch seinen Dramen, insbesondere ,Warten auf Godot' (1952) längst einen Namen in der Welt der Literatur gemacht; seine Stücke standen seit den 50er Jahren für große internationale Erfolge und gelten bis heute als Wegweiser des absurden Theaters. Für die damalige (Theater-) Gesellschaft hingegen kam die Preisverleihung einigermaßen unerwartet.

Allzu extrem und düster erschienen gerade die neueren Schriften Becketts, als dass einer auch nur ein Pfund auf Ihn als Nobelpreisträger verwettet hätte. ,Stories and Texts for Nothing' (1967) oder aber ,Come and Go' (1965) brachen mit den Konventionen von Literatur und Theater, stießen das breite Publikum durch Verknappung vor den Kopf und irritierten selbst weite Teile der Kritik. Und dafür jetzt der Nobelpreis? Beckett selbst, von jeher öffentlichkeitsscheu, wurde von der Nachricht in Tunis überrascht. Er freute sich nur mäßig über die Auszeichnung und den damit verbundenen Ruhm. Vielmehr sendete er seinen Verleger zur Preisannahme, spendete den Gewinn der Bibliothek des Trinity College und wunderte sich über die Begründung der Jury.

Bezogen auf die gesellschaftliche und auch künstlerische Situation der 1960er Jahre in der BRD sollte nicht unerwähnt bleiben, dass dem Theater der Nachkriegszeit die Rolle der „moralischen Anstalt" zugesprochen wurde. Indem Becketts Texte jedoch immer wieder die Absurdität des menschlichen Daseins thematisierten, konfrontierte er die deutsche Gesellschaft unausweichlich mit dem Endzeitbewusstsein des 20. Jahrhunderts. Dass er damit nicht immer auf offene Türen stieß, verwundert wiederum weniger.

Mit Beckett kam das Scheitern und somit das Ende der großen Erzählung. Da der aus Irland stammende Schriftsteller die Interpretation seines Werkes kategorisch ablehnte, bleibt dem Zuschauer bis heute keine andere Wahl, als die Antwort auf die Frage »Und was jetzt?« bei sich selbst zu suchen. So konfrontiert Beckett sein Publikum mit dem, was am Ende jeder Erzählung übrig bleibt: Ich, allein. Dadurch zeichnet Becketts Prinzip der ästhetischen Reduktion, welche häufig ins Groteske übergeht, sich vorrangig aus.

Ab 1965 verschärft er diese Linie und treibt die Kürzung seiner Stücke so radikal voran, dass man bei Werken wie ,Atem' (1969) kaum mehr von einem Drama im herkömmlichen Sinne sprechen kann. Dieses 40-Sekunden-Werk lässt sich auf folgende Formel bringen: „Man kommt, man schreit, und das ist das Leben. Man schreit, man geht, und das ist der Tod." (James Knowlson) Neben dem großen Skandal, den Beckett mit dem Stückchen provozierte, stellte er die Theatermacher vor die simpelste aller Fragen: Was soll das Drama, wenn das Dramatische nicht mehr existiert?

Hier liegt einer Anschlüsse an die bisherigen Untersuchungen zu 1969. Die Kunst der damals vorherrschenden Minimal Art fokussiert sich so stark auf das Wesentliche, dass alles von unnötigem Ballast befreit wird. Becketts Werk weist genau in diese Richtung. Er variiert am Ende nur mehr vereinzelte bzw. zersplitterte Elemente der Theaterbühne: Kunstfigur und Licht in ,Quadrat' (1981), Figurenrede in ,Ein Stück Monolog' (1980), Sprechorgan in ,Nicht Ich' (1973). Ein weiterer Faktor in Becketts Schaffen macht ihn zum „Kind seiner Zeit": Der Negativismus bzw. Pessimismus. Für ihn bedeutete Leben immer Scheitern und folglich lag der Sinn des Lebens einzig darin „besser" zu scheitern, kunstvoller, nachhaltiger.

Wenn im Zusammenhang mit der Mondlandung (ebenfalls 1969) von der Welt als „global village" gesprochen wird, wendet sich Beckett eindeutig davon ab. Für ihn befinden und bewegen sich die Menschen unausgesetzt in einer starken Abgrenzung voneinander. Es gibt in gewisser Weise kein Miteinander, nur die Illusion davon. Seine Werke, allen voran ,Losigkeit' (1969), zeigen das Ich des Schreibenden von innen. „Zerrüttung, Ausgesetztsein, Einöde, Geistverlassenheit, Vergangenheit und Zukunft verleugnet und bestätigt, das sind die Kategorien, formal unterscheidbar, durch die sich das Schreiben windet, erst in einer, dann in einer anderen Gestörtheit." (James Knowlson) Anhand der äußeren Struktur des Textes zeigt sich die bis ins Extrem getriebene Selbstreferenz von Sprache und Worten: In 24 Abschnitten werden 120 interpunktionslose Sätze in verschiedensten Variationen aneinandergereiht. Form und Struktur stehen dabei vor Inhalt und Sinn. Beckett berührt sich an diesem Punkt mit der damals noch in ihren Anfängen steckenden Postmoderne. Wenn bei der literarischen Schöpfung das Zufallsprinzip im Vordergrund steht und der Inhalt zum Hypertext verschwimmt, was sonst hat dies zu bedeuten, wenn nicht das Ende der großen Erzählung und damit das Ende der Moderne?

Felicitas Stilleke

tado ink | 21.11.2010 | 1969
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