Samuel Beckett

E.M. Cioran

9. September 1968. Anderntags bin ich in einer Seitenallee des Luxembourg auf Samuel Beckett gestoßen, der eine Zeitung las, beinahe als ob er eine seiner Figuren vorstellte. Er war da auf einem Stuhl, absorbiert und abwesend, wie es seine Gewohnheit ist. Er wirkte dazu leicht krank. Ich habe nicht gewagt, ihn zu stören. Was sollte ich ihm sagen? Ich mag ihn sehr, aber es ist besser, wenn wir nicht miteinander reden. Er ist so diskret! Ein Gespräch aber erfordert immer ein wenig, dass man sich gehen lässt und den Komödianten macht. Es ist ein Spiel; Sam aber ist dazu unfähig. Alles an ihm verrät den Mann des stillen Monologs.

... kleiner Körper angesichts des Endlosen. Wahre Zuflucht endlich ohne Ausweg ausgebreitet vier Mauern ohne Geräusch rückwärts. Seiten ohne Spur blank langweilt das ruhige Auge endlich bar der Erinnerung. Er wird Gott verfluchen wie in gesegneten Zeiten angesichts des offenen Himmels vorübergehender Abscheu. Angesichts des ruhigen Auges hautnah ruhig alles Blanke bar der Erinnerung ...

18. Mai 1970. Als ich anlässlich einer Probe von Das letzte Band zu Mme B. [Beckett] sagte, dass Sam wahrhaft verzweifelt sei und es mich erstaune, dass er in der Lage sei, weiter zu »leben«, etc. – antwortete sie mir: »Er hat noch eine andere Seite.«

Diese Antwort passt, eingedenk aller Proportionen, auch auf mich.


tado ink | 04.06.2014 | 1969
comments powered by Disqus