Schlachterjunge

Prosa

Wie immer früh raus des Morgens, durch die Kälte über den Hof. Vor ihm dampfte bereits das Schlachthaus. Ihm aber lag der Geruch der Äpfel in der Nase, die in Unmengen, einer schöner als der andere, nebenan gespeichert lagen, zart auf dem Boden des Zimmers verteilt, das an seine Kammer grenzte. Hunderte von Äpfel, fein säuberlich aufgereiht, sodass die Luft sie umtänzeln konnte –, grün und rosig oder aber tiefrot, je nachdem wie sie durch den Sommer gekommen waren.

Sie lagen in einem riesigen Zimmer, so schien es ihm, in einem Zimmer, das tagein tagaus offen stand (die Tür war ausgehängt) –, ein wenig düster zwar, nach Norden raus, dafür aber um einiges weitläufiger als die Kammer, die er sein eigen nennen durfte. Das ist fürs erste Dein, hatte der Meister am ersten Tag mit ausladender Geste zu ihm gesagt. Eine hübsche Kammer, nicht wahr, die ist gerade richtig für einen Burschen wie dich. Er selbst hatte sich die Kammer gar nicht genauer angeschaut, nur einfach den Pappkoffer auf einem Stuhl abgestellt, blöd dagestanden und sich beim Meister ohne Verbeugung bedankt. Er hatte an die Äpfel denken müssen, die saftig, rund und glänzend auf dem Boden nebenan lagen. Frisch, leicht süßlich nur, erfüllte der Duft, den sie verströmten, üppig die ganze obere Etage der Metzgerei. Auf der Treppe bereits hatte der Meister ihm bedeutet, es sei strengstens untersagt, auch nur einen der im Obergeschoß in Massen lagernden Äpfel anzurühren. Erwische er ihn dabei, könne er seine Sachen gleich wieder packen. Auf dem Hof war es eiskalt. Er drückte auf die schwere Klinke, die Stahltür öffnete sich leicht und das Schlachthaus umfing ihn mit einem feuchten Schwall heiß dampfender Luft.

 

Schlachterjunge

Annibale Carracci: Schlachterladen | frühe 1580er Jahre

 

Montags war Schlachttag, den Rest der Woche verbrachte der Fleischer und die Gesellen damit, zu verarbeiten, was sie im Laufe des Montags angerichtet hatten. So Woche für Woche, das ganze Jahr über, ausgenommen Sonn-, Fest- und Feiertage. Da kehrte ein wenig Stille im Haus des Metzgers ein. Ansonsten wurden Messer gewetzt, sausten Hackbeile durch die Luft, dann und wann setzte einer das Bolzenschussgewehr an. Mit einem gezielten Schuss auf die Stirn betäuben, dann rasch die Kehle durchschneiden, langsam über einer Schüssel ausbluten lassen; Schweine vor dem Aufhängen kurz ins heiße Bad, dann die Borsten abrasiert; den Rindern gleich das Fell über die Ohren gezogen, bevor man sie mit Hilfe eines Flaschenzugs an mehreren Haken aufhängt. Die Eingeweide müssen raus, dann schlägt und sägt man das Vieh in zwei Teile, zerlegt es weiter, beint es aus, was übrig bleibt wird durch den Wolf gedreht. Die Schinken kommen in den Rauchfang oder in kochende Bottiche, die Schweine- und Rinderhälften werden, wie anderes auch, zur Zwischenlagerung im Kühlhaus abgehängt. Er lernte das Handwerk von der Pike auf. Nichts, rein gar nichts blieb ihm erspart. Er war Schlachterjunge, schon vor der Geburt dazu bestimmt. Wenn es darum ging, das Blut und den Unrat zu entsorgen, war er dran. Wem oblag es, die Schweine aus dem Pferch ins Schlachthaus zu treiben? Ihm. Wer hörte, wie sie quieckten, schrieen, wer sah, spürte, wie sie sich sträubten, sich weigerten, die Stallung zu verlassen, als ob sie wüssten, was sie jenseits derselben erwartet? Er. – Aber er klagte nicht, niemals, schluckte, was ihm aufstieß, und sei es das übelste, herunter, nahm die Dinge, wie sie kamen. Mehr oder weniger. Er war ein Schlachterjunge, vor der Geburt bereits ausgeguckt, Fleischer zu werden. Im Laufe des Herbstes verschwand ein Apfel nach dem anderen, das Zimmer leerte sich allmählich. Sie wurden zu Spelten eingemacht, die er nicht aß. Ihm lag immer noch der üppige Duft der Äpfel in der Nase, der aus dem Zimmer von nebenan gekommen war und, wie es schien, kam. Grün und rosig, ab und an blutrot.

tado ink | 08.11.2010 | Stichijows Papiere
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