Schrecklicher Erster Mai

Menschenjagd auf der Landstrasse

Wie jedes Jahr anfang Mai war die Gemeinde früh schon auf den Beinen. Raus aus der Stube, hinaus in Gottes freie und schöne Natur. Frühlingsrauschen in Norddeutschland. Man hatte die Bollerwagen aus den Ställen, Kellern und Garagen geholt, sie fein herausgeputzt und mit Grün und anderem Zeug geschmückt, das zur Hand war. Auf den Ladeflächen stapelten sich Kisten Bier, Schinkenstullen gab es und die eine oder andere Flasche Korn. Es grünt so grün... Lustig ging es zu unterwegs, man spazierte drauflos, was das Zeug hält. Die Kinder waren kaum zu bremsen. Am Himmel stand strahlend und prächtig die Sonne, da tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Auto auf.

Am Steuer saß ein junger Mann aus dem Baltikum. Sein Name Joseph K. Er kam gerade erst aus der Disco und war hundemüde. Er hatte schwer getrunken. Neben ihm, auf dem Beifahrersitz, saß sein Freund, Igor, schnarchend. Vor ihm, nicht mehr fern, erkannte er verschwommen mit Bollerwagen und anderem Gerät ausstaffierte Pulks von Menschen und Hunden. Sie nahmen die gesamte Fahrbahn ein. Vielleicht hundert und mehr Leute versperrten ihm den Weg, hinderten ihn, wie so oft schon, am Weiterkommen, immer die gleiche Geschichte, immer dasselbe Volk. Was tun also? Flucht nach vorn. Er trat aufs Gaspedal und jagte rasend in die erste Gruppe. Ein Kreischen brach aus, Schreie wurden laut, die sich schrill im Blau des Himmels verloren. Einer wurde umgerissen, ein anderer durch den Aufprall jäh in die Luft geschleudert; einer kam mit seinem Bein kurzfristig unter die Räder. Es gab jedesmal einen dumpfen Klang, wenn ein Leib aufs Blech aufschlug. Wut schäumte auf, es kam zur Panik. Joseph K. war längst alles gleich. Sturztrunken und irgendwie genervt drückte er das Gaspedal erneut durch. Zuerst katapultierte er jemanden in den Strassengraben, dann knallte neben dem Wagen einer mit dem Kopf auf den Asphalt. Blut tropfte und rann in Schlieren über die Kühlerhaube. Beherzt begaben sich einige der Spaziergänger daran, den Wagen zum Stehen zu bringen. Aber Joseph K. ließ sich nicht mehr stoppen. Er nahm sich eine zweite Gruppe vor, dann jagte er in eine dritte. Schließlich machte er sich, verstört und ein wenig ausgenüchtert, mit quietschenden Reifen aus dem Staub.

Schrecklicher Erster Mai

Marc Slootmaekers: Afrikanischer Löwe (2009)

Von Seiten der Polizei hieß es am späten Nachmittag, Ermittlungen seien gegen den jungen Mann eingeleitet worden, und zwar wegen versuchten Todschlages. Es hätte insgesamt 15 Verletzte gegeben, darunter eine blutjunge Frau, die lebensgefährlich, und drei weitere junge Leute, die schwer verletzt worden seien. Der Verdächtige, Joseph K., sei bereits verhaftet und vernommen worden. Man habe eine Alkoholprobe genommen, bei der ein Wert von 2.1 Promille festgestellt worden sei. Ansonsten handele es sich bei dem aus Litauen stammenden Mann um einen unbescholtenen aufstrebenden jungen Bürger.

 

tado ink | 08.05.2010 | Frontberichte
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