Schrei nach Liebe

Predigt

Meine lieben Mitbürgerinnen und Bürger, liebe Gemeinde, liebe Deutschinnen und Deutsche,

ich freue mich, dass so viele von Ihnen sich hier, an diesem geschichtsträchtigen Ort, eingefunden haben, um mit mir den Tag der deutschen Einheit zu begehen. Damals ging für uns ein Traum in Erfüllung, die Mauer fiel, wir waren frei, jetzt tragen wir diesen unseren Traum in die Welt hinaus, um ihn im globalen Maßstab erneut in die Tat umzusetzen. Ich sage deswegen auch: Wir befinden uns auf einer Mission, zur Rettung der Welt sind wir berufen.

Es ist noch gar nicht lange her, da haben wir den ersten Schritt getan, die Umwelt und das Klima von Mutter Erde zu retten. Wir läuteten die Energiewende ein. Eben noch haben wir unsere Währung, den Euro, und damit ganz Europa gerettet, indem wir den Griechen in ihrer Not beisprangen. Jetzt sind es die Erniedrigten und Beleidigten aller Herren Länder, die zu uns kommen und um Hilfe flehen. Wer von uns ist so herzlos, sie abzuweisen?

Die Menschen, die da zu uns kommen, haben viel Leid erlitten, so vieles durchgemacht. Geknechtete stehen draußen vor der Tür, Ausgebombte, aus der Heimat Vertriebene, Kriegsversehrte, Frauen und Kinder, politisch Verfolgte, religiös Gedemütigte. Wer von uns, ich frage noch einmal, ist so herzlos, diesen Menschen das Asyl zu verwehren, um das sie bitten? Sind es denn nicht alle Schwestern und Brüder im Geiste, die da zu uns kommen, Menschen wie Du und ich?

Ich weiß, es sind viele, einige fürchten auch zu viele. Wer aber, wenn nicht wir, ist in der Lage, sie aufzunehmen. Gehen wir ihnen mit offenen Armen entgegen, drücken wir sie fest an unsere Brust. Salemaleikum. Gewähren wir ihnen, was ihnen zusteht: Schutz, eine Unterkunft, Ausbildung und Unterhalt von Staates Gnaden. Sie werden es uns schon zu danken wissen. Tausendfach werden sie uns all das zurückerstatten, was wir ihnen jetzt, in der Stunde ihrer Not, gewähren.

Was vor uns steht, wird nicht leicht. Es sind gewaltige Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben. Packen wir die Sache an. Nutzen wir die Chance. Es ist unsere Aufgabe, unsere Bestimmung, unsere Mission. Zur Rettung der Welt sind wir berufen, vergessen wir das nie.

Ich frage euch: Wer, wenn nicht wir, ist in der Lage, die Welt von all dem Elend und Übel zu erlösen, von dem sie heimgesucht wird? Von daher sage ich aber auch: Keine Toleranz gegenüber denen, die sich da sträuben, die Zweifel und Zwietracht säen. Folgt ihnen nicht, denn ihr Herz ist voller Hass.

Unser Herz aber quillt über vor Liebe. Wir schreiten voran. Wohlan! Wohlauf! Wir lassen uns nicht beirren. Durch niemanden und nichts. Und indem wir voranschreiten, tun wir nicht nur der Welt etwas Gutes, sondern auch uns selbst. Mit jeden Flüchtling, der zu uns kommt, wird unserer Seele reiner, besser, menschlicher. Vergessen wir eines nicht. Unser Volk hat in der Vergangenheit große Schuld auf sich geladen. Jetzt ist die Gelegenheit, sie vor den Augen der Welt abzutragen. Machen wir uns auf den Weg. Das Heil naht, die Erlösung ist nicht mehr fern. Schon jetzt strahlt der Stern Deutschlands in der Welt heller als der aller anderen Nationen auf Erden. »Deutschland, Deutschland ...«

Ich weiß, auch bei uns gibt es einiges, das im Argen liegt. Es gibt Menschen, die von ihrer Rente nicht leben können, viele; viel zu viele sind weiterhin arbeitslos und auf Hilfe vom Staat angewiesen; mehr als zwei Millionen Kinder leben bei uns in Armut, ein Viertel der Bevölkerung arbeitet im Niedriglohnsektor, die Reallöhne stagnieren seit 25 Jahren, wenn ich das so sagen darf, und was die Jugend angeht, auch sie hat es nicht leicht, sie erhält wie auch die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger zumeist bloß befristete Arbeitsverträge. In Folge von Automatisierung, Digitalisierung und Outsourcing fallen außerdem fortlaufend Tausende von Arbeitsplätze weg, ohne dass unsere Produktivkraft jedoch darunter litte; nicht verschweigen möchte ich auch den brain drain, dem wir ausgesetzt sind. Gerade unsere Besten, Führungskräfte, Akademiker, Facharbeiter und was der Spezialisten mehr sind, machen sich dieser Tage gleich reihenweise aus dem Staub. Wie erbärmlich ist das denn. Nun gut. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist hart, wir aber, wir sind härter.

Und deshalb sage ich: macht euch keine Sorgen! Wir schaffen das! Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Und wo uns etwas im Wege steht, da muss es überwunden werden. Vergessen wir nicht: Wir haben eine Mission, was sage ich: wir sind auf einer Mission. Was oder wer sollte uns da aufhalten? Ein Amtseid? Gepfiffen drauf. Das Grundgesetz? Was stand da noch gleich? Europäische Absprachen und Verträge? Wenn's hart auf hart kommt, muss man sich flexibel zeigen, oder? Wozu sind wir auf einer Mission. Wohlan! Wohlauf!

Wir schreiten voran. Und der Rest Europas hat uns gefälligst zu folgen! Falls nicht, werden andere Seiten aufgezogen. Inschallah! – Gott steh uns bei.

 

Schrei nach Liebe
tado ink | 14.09.2015 | Kunstkammer
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