Schwarzgrün schimmerndes Winkelkanu

Datum, was für ein Datum noch gleich

Was machst du gerade? Ich? Was soll ich machen, nichts mache ich, was sonst. Ich habe die Hände in den Schoß gelegt, schaue in die Ferne und wünsche dem lieben Gott, so er mir über den Weg läuft, einen schönen Tag.

Zugegeben, ab und an drehe ich Däumchen, ansonsten aber verhalte ich mich ruhig und still. Ich atme ein, ich atme aus, bewege mich so wenig wie es eben geht und begnüge mich damit, den mir zugewiesenen Platz mit der Fülle meines Körpers besetzt zu halten. Die Tage verbringe ich damit, auf dem Sofa liegend, Löcher in die Decke zu stieren. Große Leere. Das Herz schlägt, das Blut zirkuliert in den ihm vorgegebenen Bahnen, der Magen, die Niere und die Leber gehen ihren Aufgaben nach, sofern sie nicht gerade mit anderem beschäftigt sind, und was das Gehirn anlangt, da mache ich mir keine Sorgen, es scheint hinreichend beschäftigt. Ich weiß zwar nicht womit und wozu, aber es ist aktiv. Fortlaufend empfange ich Signale von oben, wie man so schön sagt, ob ich will oder nicht. Mit anderen Worten: Es geht mir gut, ausgezeichnet sogar, wenn man die Umstände bedenkt, unter denen wir auf hoher See zu leben gezwungen sind. Das einzige, was mich ab und an beunruhigt, sind die Meldungen, die ich von Zuhause erhalte, privatim, von Bekannten, Freunden und Verwandten.

Wenn ich darüber nachdenke, was der Freundeskreis so alles treibt, beschleicht mich ein seltsam mulmiges Gefühl. Nicht als ob ich ein schlechtes Gewissen hätte, von wegen Nichtstun und so weiter, nein das ist es nicht. Und doch... Einer vermeldet, er habe gerade sein Motorrad aus dem Winterschlaf geweckt und mit großer Genugtuung festgestellt, dass selbst der Reifendruck noch auf dem Stand ist, auf dem er war, als er die Maschine auf Eis stellte (»'ne BMW eben«). Ein anderer empört sich, dass es dem ob gewisser Tierquälereien notorisch in den Schlagzeilen stehendem Universal Zirkus Renz gestattet ist, auf der örtlichen Radrennbahn ein Gastspiel zu geben (und entschuldigt sich gleich darauf: »Hätte mich besser informieren sollen.»). Wieder ein anderer hat ein Photo eingestellt, das einer Narzisse im Polaroidverschnitt (die er als »Kloblume...« betitelt).

Und das ist längst nicht alles. So geht das über Seiten weg, Scroll auf Scroll, ich könnte, wenn ich wollte, ewig fortfahren, Statusmeldungen u.a. aufzulisten. Eine Meldung nach der nächsten, mal geht es um Glücksspielsucht, mal um eine Ausstellung, einer weiß nicht, wie er einen Papagei malen soll, ein anderer vermeldet, demnächst wieder ein Literatur-Dinner zu veranstalten, Gegenstand diesmal der Marquis de Sade, und es seien noch ein paar wenige Plätze frei. Es gibt Zeiten, vorzugsweise am Wochenende, da jagen und überstürzen die Nachrichten sich geradezu, als ob es drauf ankäme, unter Beweis zu stellen, dass man auch in der Freizeit, wo man die Hände doch mal in den Schoß legen darf, nicht untätig, vielmehr gesteigert aktiv ist und sich für Sachen engagiert, für die zu engagieren sich lohnt. – Wie gesagt, mir wird ganz mulmig dabei, leicht schummerig im Kopf, und zwar von unten her, von der Magengrube, wenn ich die Herkunft der Signale richtig deute.

 

Schwarzgrün schimmerndes Winkelkanu

Alastair: Lonely Prince | 1924

 

Schließlich, wenn man bedenkt, was ja doch zu vermuten ist, dass das, was da berichtet wird, nur ein Bruchteil dessen ist, was berichtet werden könnte, wären die Bekannten, Freunde und Verwandten in der Lage, umfassend Nachricht über ihr Tun und Treiben zu geben, wenn man sich klarmacht, dass die Flut der Meldungen ins Unermessliche stiege, verschaffte einer ihnen endlich die Möglichkeit, jeden ihrer Schritte umgehend und direkt zu protokollieren, ohne viel Federlesen zu treiben, in Echtzeit gewissermassen, mit Head-Set ausgestattet und dergleichen, wenn ich mir das vor Augen führe, wird mir um einiges mulmiger noch in der Magengegend und schummeriger im Kopf. Und du? wo bleibst du? was soll aus dir werden? Gar nichts, höre ich eine Stimme mir ins Ohr flüstern: Du hast nicht die geringste Chance. Gegen den Sturm der Nachrichten kommst du nicht auf. Also bleibe da liegen, wo du liegst, vergrabe deine Hände ruhig im Schoß und gib dich dem hin, was du am besten kannst, dem Nichtstun. Engagiere dich vor allem nicht, bleibe dem Müßiggang treu und übe dich in der Kunst der Kontemplation, der, wie die Alten glaubten, höchsten Form des Lebens, die es für einen Sterblichen auf Erden gibt. – An Bord der Mortobello herrscht Totenstille, als befänden wir uns auf einem Geisterschiff, das auf schwankendem Kurs zwischen den Welten hin und her segelt.

 

tado ink | 09.03.2012 | Logbuch
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