Sieben Brüder

Generation Stalingrad #8

Paul, der jüngste der sieben Brüder, war der letzte, der in den Krieg zog, und der letzte, der nach Hause fand. Man schubste ihn einfach aus dem Waggon, als der Zug, in dem er, von Bremen kommend, saß, durch seinen Heimatort rollte. Die paar Sachen, die er bei sich trug, überließ er Heinrich, dem Bruder, der bereits wieder auf dem Bahnhof Dienst tat. »Ihr könnt mich alle mal«, sagte Paul und ging ins nächste Gasthaus, sich betrinken.

Der Krieg stellte in seinem Leben, wie in dem anderer Späteingezogener auch, wenig mehr als eine Episode dar, innerhalb ihrer aber machte er eine kleine Odyssee durch. Noch keine 17 Jahre alt, war er im August 1944 aus der Lehre gerissen und zu einer Flakeinheit an der Süderelbe eingezogen worden, Luftangriffe auf die Harburger Brücke abzuwehren. Für eine gründliche Ausbildung fehlte die Zeit. Glaubt man den Geschichten, die er am Tresen und andernorts zum besten gab, dann war er nicht nur in Hamburg im Einsatz, sondern überall, wo es brannte. In Holland, so Paul, hätten sie erfolgreich Jagd auf englische Luftlandedivisionen gemacht, seien dabei kurz in einen Kessel alliierter Bodentruppen geraten, der aber von Panzern der Hermann-Göring-Division gespengt worden wäre, so dass sie heil davon kamen. Dann seien sie durch ganz Deutschland gekarrt worden, um in Brünn, unweit der slowakischen Grenze, an der Flak zu stehen. Umsonst. Nach einem kurzen Fronturlaub, den man ihm Ende des Jahres bewilligt habe, sei er im Januar '45 erneut versetzt worden, und zwar nach Dortmund-Eichlinghofen. Kurz bevor der Kessel um das Ruhrgebiet vollständig abgeschottet war, sei die Einheit, zu der er gehörte, über Nacht einfach aufgelöst worden. »Ich möchte euch morgen früh hier nicht mehr sehen«, habe der für sie zuständige Führer gesagt. Basta. So Paul. Mit einigen Kameraden sei er zu Fuß bis Münster gelangt, dort aber seien sie von Polen, die ihren Weg gekreuzt hätten, an die Alliierten verraten worden. Also geriet auch der jüngste der Brüder noch in Kriegsgefangenschaft. Zuerst saß er in einem Lager bei Wesel ein, dann länger in einem zwischen Namur und Lüttich, in der Festung Huy, um genau zu sein, wo man ihn in einer Autoreparaturwerkstatt unterbrachte, am Ende, so Paul, sei er in Attichy auf seine Gesinnung hin überprüft worden. Dann sei endgültig Schluss gewesen. Über Verdun und Munsterlager, wo man ihm die Entlassungspapiere ausgehändigt habe, sei er mit einem Sonderzug nach Hause gelangt. Nichts gegen Züge, habe er, als er daheim auf dem Bahnsteig stand, gedacht, aber irgendwie fühle er sich, nachdem man ihn ohne ein Wort des Dankes aus dem Waggon gestoßen habe, um mehr als nur die eigene Jugend betrogen.

 

Sieben Brüder

Franz Radziwill: Wohin in dieser Welt | 2. Fassung, beendet 1945

 

Hermann, der älteste der Brüder, starb 1982, Heinrich folgte ihm zehn Jahre später, die Brüder Karl und Paul überlebten das Jahr 1997 nicht; sie segneten in einem Abstand von nur einem Monat das Zeitliche. Ludwig bleibt vermisst, Walter liegt bis auf weiteres auf einem Soldatenfriedhof in Lothringen begraben. Vor gut einem Jahr strich der letzte der Brüder, Hans, die Segel. Ein paar Tage nach dessen Beerdigung wurden auf dem Friedhof die letzten der dort seit mehr als einem Jahrhundert über die Gräber wachenden Linden gefällt.

tado ink | 29.04.2013 | Frontberichte
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