Sieben Brüder

Generation Stalingrad #4

Ludwig, der Dritte im Bunde, kam lange nicht so gut davon wie Karl oder Hermann. Er wird vermisst, gilt seit langem als verschollen. Dabei hatte alles ziemlich harmlos angefangen. Für Ludwig wenigstens. Der Krieg steckte noch in den Kinderschuhen, als man ihn in das Infanterieregiment einberief, bei dem er vor ein paar Jahren erst seinen Wehrdienst abgeleistet hatte. »Operation Weserübung«, so die Losung. Es gehe gen Norden.

Ohne groß auf Widerstand zu stoßen, setzte das Bataillon Ludwigs nach Norwegen über, gleichzeitig fielen andere Divisionen der Wehrmacht wie Wölfe über Dänemark her. Im Verein mit der Marine und dank massiver Unterstützung aus der Luft nahmen deutsche Truppen an der Küste Norwegens einen Hafen nach dem anderen ein. Nur hoch im Norden kam es zu schweren Gefechten. Wir werden es den Engländern schon zeigen, hieß es. Von wegen Seeblockade. Thules Erz ist unser. Aber mit den Kämpfen gegen die Engländer sollte Ludwig nichts zu schaffen bekommen. Die Einsätze, an denen er teilnahm, erwiesen sich als harmlos, die Stimmung in der Truppe war entsprechend prächtig; es gab gut zu essen und zu trinken, die Norweger zeigten sich freundlich, die Landschaft, in der sie lagen, war von majestätischer Schönheit. Nur im Winter wurde es in Trondheim, wo Ludwig mit den Kameraden Ende des Jahres Stellung bezogen hatte, ganz schön kalt. Ein Wollpullover wär nicht schlecht. Die Lage vor Ort blieb indes entspannt. Keine Gefechte, Übungen nur und Langeweile. Des Abends saß man häufig am Lagerfeuer und sang bis spät in die Nacht hinein Lieder. Mitunter gesellten sich auch Mädchen aus der Stadt dazu. Dann erhob der Gesang sich bis zu den Sternen: »Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden. Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht! Die Welt ist voller Morden.«

 

 

Sieben Brüder

Franz Radziwill: Die Inselbrücke in Wilhelmshaven mit der »Deutschland« | 1934

 

Anderthalb Jahre stand Ludwig in Norwegen auf Posten, da gewährte ihm die Heeresleitung überraschend Sonderurlaub. Es sah gut aus in Europa. Polen war besetzt, Flandern und Frankreich auch, deutsche Truppen kämpften in Nordafrika, auf dem Balkan und weiß Gott wo sonst noch alles. Ludwig hatte darum gebeten, daheim seinen Meister als Friseur machen zu dürfen, und er machte ihn, und zwar mit Auszeichnung. Die Dauerwelle, wie gesagt. Einen Tag nach der Prüfung ging es zurück zur Truppe. Erneut hieß es, Wache schieben, an Norwegens Küste auf Posten stehen. In Trondheim blieb die Lage ruhig, der Frühling kam und bald darauf die Mittsommernächte. In Russland aber wurde die Situation von Tag zu Tag brenzliger. Stalingrad war lange schon verloren, bei Kursk war im darauf folgenden Sommer die letzte Großoffensive der Wehrmacht zerspellt. 50 Divisionen des Führers, darunter 17 Panzer- und motorisierte Divisionen, 10.000 Geschütze, 2700 Panzer und 2000 Flugzeuge, nicht zu vergessen mehr als 900.000 Mann waren in der »Blutmühle von Bjelgorod« zermalmt und aufgerieben worden. Seitdem rang, was an der Ostfront an deutschen Soldaten noch übrig war, erbittert um jeden Zoll russischen Bodens, ohne doch in der Lage zu sein, auch nur eine der vielen Stellungen an der von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden Front länger als ein paar Tage oder Wochen zu halten. Gegen Ende des Jahres '44 pochte die Rote Arme bereits an die Tore Königsbergs, weiter südlich stießen ihre Verbände rasch auf Berlin zu. Also wurde das Infanterie-Bataillon Ludwigs aus Norwegen abberufen und in den »Endkampf« geworfen. Nachdem sie an der Oder vergeblich versucht hatten, den unaufhaltsam vorrückenden Verbänden der Roten Armee Einhalt zu gebieten, wurden sie nach Breslau abkommandiert. Die Stadt war vom Führer zur Festung erklärt worden –, was für die Jungs vor Ort hieß, sie auf Teufel komm raus zu halten. Es gehe ums Ganze, so der Führer, eine Kapitulation sei ausgeschlossen. Aber es gab längst kein Ganzes mehr, es war auch nichts mehr zu halten, weder in Breslau noch andernorts. Nach erbitterten Gefechten – im Kampf Haus um Haus – kapitulierte die Stadt schließlich am 6. Mai 1945. Die Festung Breslau gab es nicht mehr, wer eine Uniform trug, geriet in Kriegsgefangenschaft und wurde umgehend zum Zwecke der Wiedergutmachung in eines der sowjetischen Arbeitslager verfrachtet. So auch Ludwig. Er landete in einem Bergwerk im Donezbecken, Steinkohle schlagen. Hier verlieren sich seine Spuren. Erzählt wird, ihm sei eines Morgens mit 14 Kameraden der Befehl erteilt worden, einen LKW zu besteigen, um an einem Sondereinsatz einige Kilometer entfernt vom Lager teilzunehmen. Seitdem will keiner je wieder etwas von ihm gehört haben.

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 17.02.2013 | Frontberichte
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