Sieben Brüder

Generation Stalingrad

Es waren einmal sieben Brüder, einer stärker, größer und klüger als der andere. Sie lebten auf dem Dorfe und stammten aus einfachsten Verhältnissen. Der Vater war bei der Bahn, bei der Reichsbahn: in seiner Jugend hatte er dem Kaiser lange brav in einem Spandauer Garderegiment gedient. Zur Belohnung erhielt er eine Stelle auf Lebenszeit: Bahnwärter, Streckendienst an einem Eisenbahnverkehrsnetz, wie es kein zweites auf der Welt gab. Bei Wind und Wetter lief der Vater – einmal Soldat des Kaisers immer sein Soldat –, ausgerüstet mit einer Ölkanne und einem Vorschlaghammer, den ihm anvertrauten Streckenabschnitt ab, tag für tag; dann und wann klopfte er aufs Eisen und lauschte, ob mit den Gleisen und Weichen seiner Majestät des Kaisers weiter alles seine Richtigkeit hat. Die Frau, die er sich nahm und liebgewann, war eine schlichte Seele, nicht gerade hübsch, dafür aber fromm, reinlich und streng. Nachdem sie unter Schmerzen sieben Söhne in die Welt gesetzt hatte, begab sie sich auf Pilgerfahrt; sie trat eine Reise zum »Heiligen Rock« nach Trier an, drei, vier Tage lang. Danach nahm sie ihr stilles, bescheidenes Leben wieder auf; sie versah den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder, die Schweine und den Garten. Man kam zurecht.

Der älteste der Brüder, Hermann, wurde einem Maler in die Lehre gegeben und verdiente sich seinen Unterhalt, wenn es denn Arbeit gab, als Anstreicher. Er tapezierte und strich Zimmer aus, bemalte Häuserfassaden, Maschinengehäuse und was sonst gerade anlag. Karl, dem zweitältesten Sohn, war das entschieden zuwenig; er liebte die Musik und Feste, bestand darauf, Musiker zu werden und wurde Musiker, Geiger, um genau zu sein. Dem dritten im Bunde, Ludwig, wurde vom Vater bedeutet, er sei gemacht, das Geschäft des Onkels zu übernehmen, dessen Ehe kinderlos geblieben war; also erlernte er das Handwerk des Friseurs und verlegte sich darauf, auf den Köpfen der Damen im Dorfe Dauerwellen zu drehen. Walter, den Mittleren der Brüder trieb es hingegen in die große weite Welt; er lernte und arbeitete als Kellner, mal in Bremen, mal in Stettin, mal im Speisewagen der Mitropa; am schönsten war es auf Capri, wo er einen langen Sommer verbrachte und den Feriengästen bis spät in die Nacht aufwartete. Heinrich, der ein Jahr darauf zur Welt kam, war wieder anders; er kam ganz nach dem Vater, hielt sich an das, worauf Verlass war (oder zu sein schien), mit anderen Worten, er ging wie dieser zur Bahn. Der zweitjüngste Sohn, Johann Friedrich Clemens, Hans genannt, entschied sich, unter den Kaufleuten sein Glück zu versuchen, immerhin gab es ja doch noch mehr und anderes auf Erden als die Reichsbahn und den Staatsdienst; also bewarb er sich bei einem Papier- und Bürobedarfsgeschäft und fuhr Tag für Tag in die nächstgelegene Großstadt, um dort zu lernen, wie man Geschäfte macht. Der allerjüngste, Paul, war dagegen eher rustikal veranlagt; er träumte davon, das Feuer zu schüren, Eisen zu biegen und den Pferden auf dem Dorfe die Hufe zu beschlagen. Warum auch nicht, sagte der Vater, und gab ihn zu einem Schmied in die Lehre.

 

Sieben Brüder

Franz Radziwill: Dorfeingang | 1928

 

Es hätte alles wie im Märchen ausgehen können, ein jeder der sieben Brüder hätte im Laufe der Zeit gefunden, was zu suchen er sich vorgenommen, nach dem einen oder anderen Abenteuer, versteht sich, eine süße Braut vor allen –, ein jeder hätte mit ihr einen Haushalt gegründet und dann wie Vater und Mutter schwer gearbeitet und zahlreiche Kinder in die Welt gesetzt, den Stammbaum der Familie weiter treibend. Allein es kam anders.

 

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 28.01.2013 | Frontberichte
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