Sieben Brüder

Generation Stalingrad #2

Ende der Zwanziger Jahre geriet die Wirtschaft des Landes wieder ins Schlingern und Stocken. Vorbei war es mit Talmi und Flitter, Charleston, dem Rausch der Geschwindigkeit und der Aussicht auf rasant steigende Börsenkurse. Die Schatten der Depression schlichen erneut um die Häuser der Republik. Nicht nur auf den Straßen und Plätzen Berlins kam es zu heftigen Tumulten und Ausbrüchen nackter Gewalt, im Reichstag, den Kanzleien und Ministerien verstand keiner mehr, was der andere meinte, befördert durch all das und mehr gelangte schließlich ein Mann an die Macht, der revanchistische Gelüste hegte und Ideen verfolgte, die als abenteuerlich zu bezeichnen ein Euphemismus wäre. Von den Massen in Stadt und Land als Messias frenetisch gefeiert, als Heilsbringer und Erlöser, sollte der zum Führer aller Deutschen Erkorene am Ende einen Krieg vom Zaun brechen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Und es gab nicht einen unter den Brüdern, der sich dem Befehl des Führers widersetzte, für Volk und Vaterland in welche Schlacht auch immer zu ziehen.

 

Hermann, der älteste der Brüder, kam noch einmal mit einem blauen Auge davon. Seinen Dienst verrichtete er als einfacher Soldat bei einem Luftwaffenkommando im Süden Deutschlands. »Unternehmen Barbarossa«, so die vom Führer ausgegebene Losung. Auf dem Stützpunkt, wo Hermann stationiert worden war, gab es reichlich zu tun; hier wurden unter anderem Ju 87 versorgt und bestückt, Stukas, wie sie gemeinhin hießen. Mit ihren heulenden Sirenen überzogen sie die Weiten Russlands mit Feuer und Terror und bereiteten so den Boden für den Einzug deutscher Truppen ins Reich der Sowjets. Hermann fand gute Kameraden, die Arbeit am Boden war nicht schwer, die Ergebnisse, die zu Anfang eingefahren wurden, nachgerade phänomenal. Es gab mehr als einmal was zu feiern, die Ausschaltung der russischen Luftwaffe zum Beispiel, und das binnen weniger Tage.

 

 

Sieben Brüder

Stukas im Angriff auf sowjetische Stellungen | 1941

 

Als das »Unternehmen Barbarossa« auf der Stelle trat, es zusehends schwieriger wurde, die russische Front zu behaupten, und mit Stukas und anderen Jagdbombern im Osten nurmehr wenig auszurichten, nach den Gefechten in Stalingrad mithin und im Anschluß an die verheerende Niederlage von Kursk, wies das Oberkommando dem Luftwaffenstützpunkt Hermanns eine andere, eine neue Aufgabe zu. Bei Monte Cassino, im Norden Italiens überhaupt, so der Befehl, käme es umgehend darauf an, die »Absetzbewegung« deutscher Truppen durch Überraschungsangriffe aus der Luft flankierend zu unterstützen. Gesagt, getan. Der Erfolg hielt sich allerdings in Grenzen. Italien war lange schon verloren, die Achse Rom-Berlin im Kern derart porös und angefressen, dass sie auch durch eine Massnahme wie die Ausrufung der Republik von Salò nicht mehr zu reparieren war. Es dauerte denn auch nicht lang, da hing die Leiche des Duce höchstselbst kopfüber an einer Stange, neben der seiner Geliebten und etlicher Gefolgsleute –, den Rachegelüsten aufgebrachter Mailänder Bürger feilgeboten. – Als kurze Zeit darauf auch der Führer tot in seinem Bunker lag und der Rest des großdeutschen Reiches sich in Schutt und Asche aufgelöst hatte, geriet Hermann mit etlichen Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Das war im Mai 1945, unweit von Nürnberg. Die Internierung dauerte freilich nicht lang. Nach einigen Tagen schon ließ man ihn wieder laufen. Harmlos der Mann. Zu Hause angelangt, taten Hermann nur die Füße furchtbar weh.

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 30.01.2013 | Frontberichte
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