Sieben Brüder

Generation Stalingrad #3

Karl, dem jüngeren Bruder Hermanns, erging es ähnlich. Auch er hatte Glück im Unglück. Bei Kriegsende fiel er einem Trupp britischer Soldaten in die Hände, kurze Zeit später wurde er von deren Kommandeuren bereits zum Gemeindevorsteher von Neuenkirchen erklärt. Wie er das Vertrauen der englischen Offiziere erlangt hat, weiß man nicht genau. Vielleicht war es, weil Karl so schön auf der Geige spielte. Es fragt sich auch, was Karl zu dieser Zeit eigentlich in Neuenkirchen zu suchen hatte, an einem Ort, der gar nicht so weit von seinem Heimatdorf entfernt liegt.

Hätte er nicht viel eher in Berlin sein müssen, in der Nähe von Frau und Kindern? oder an irgendeinem anderen Frontabschnitt? Wo kam er her und wo wollte er hin? Über das, was Karl im Laufe des Krieges getrieben hat, wo er stationiert war und an welchen Einsätzen er beteiligt war, darüber hat Karl zeitlebens geschwiegen. Es liegen auch keine Dokumente oder Berichte von Augenzeugen vor, die Hinweise geben oder aus denen man Rückschlüsse darüber ziehen könnte, was er in dieser Zeit so alles angestellt hat. Halbwegs bekannt ist, was er vor und nach dem Kriege gemacht hat. Er sei, heißt es, auf dem Dorfe einer der ersten gewesen, die sich 1933 nach Berlin aufgemacht hätten. Gleich nach der Machtübernahme durch die Nazis habe er, die Gunst des Augenblicks witternd, seine Sachen gepackt, sich von Eltern, Freunden und Bekannten verabschiedet und in den Zug gesetzt. Wer will schon an Tagen wie diesen in der Provinz versauern. So Karl. Berlin erwarte ihn. Kind, wat willste mehr.

Die Reichshauptstadt hatte sich hübsch herausgeputzt, als Karl am Bahnhof Zoo aus dem Zug stieg. Nicht allein die Straßen, Alleen und Plätze, sondern zahllose Gebäude waren frisch mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Karl zögerte keinen Augenblick und trat, ohne eine Bedingung zu stellen, dem Reichsarbeitsdienst bei; hier spielte die Musik, und Karl zweifelte nicht im mindesten, als Musiker einen nachhaltigen Beitrag zur Aufführung dessen leisten zu können, was der Führer dem Volk nicht müde wurde, hinter die Löffel zu schreiben: »Führer befiehl, wir folgen.« Und das mit Schmackes. Gelegenheit dazu bot ihm einer der vielen von der Partei gerade eben aus dem Boden gestampften Gaumusikzüge. Mit einer Melodie auf den Lippen geht eben alles leichter von der Hand, zumal im Arbeitslager. Karl kam zügig voran, er brauchte nicht einmal ein Jahr, da war er bereits Truppführer des Zuges, dem er gerade eben erst zugeordnet worden war. Als Truppführer und Kapellmeister machte er sich im Sommer 34 – wie zigtausend andere Gesinnungs- und Parteigenossen auch – ins Frankenland auf, nach Nürnberg. Erster Reichsparteitag der NSDAP. Und das in der Stadt Albrecht Dürers. Tagsüber gab es Massenaufmärsche und Ansprachen sonder Zahl, des Abends und Nachts ließ die Partei die Sau raus; die Bewegung suhlte sich quiekend in Lachen von Bier, Fett und Korn, sofern sie nicht gerade einem Passanten, der nicht passte, die Gedärme aus dem Leib prügelte. Und Karl war flott dabei, er schwang den Taktstock, wo immer es gewünscht wurde, er spielte dem Führer auf, der Partei und – weiß Gott – wem noch alles, ein Kapellmeister eben, ein Tambourmajor von Führers Gnaden.

 

 

Und so ging es weiter, ein Fest folgte auf das andere, eine Feier jagte die nächste, erst Reichsparteitag, dann die Olympiade, im Jahre drauf Weltausstellung in Paris, und es dauerte nicht lang, da ließ der Führer vollends die Sau raus. Er befahl, die Fanfaren zum Blitzkrieg zu blasen. Gegen Ende des Fests stand das eigene Haus in Flammen, vom Keller bis zum Dachstuhl. Als Großdeutschland bis auf die Grundfesten niedergebrannt war, die Trümmer aufgehört hatten zu rauchen und Karl als Gemeindevorsteher Neuenkirchens nicht mehr benötigt wurde, kehrte er nach Berlin zurück. Das war im Spätsommer 1945. Die Familie fand er wohlauf, die Stadt selbst aber total zerstört. Germania pulverisiert. Ruinen und Trümmer, so weit das Auge reichte, in und zwischen ihnen vagabundierend Frauen, Alte und Kinder. Von Katzen, Hunden und Pferden keine Spur. Militärpatrouillen fuhren in Berlin ihre Runden, im Schatten ihrer gedieh und wucherte der Schwarzmarkt. Das Leben nahm langsam wieder Fahrt auf. Karl trieb sich die meiste Zeit auf der Straße herum, knüpfte Kontakte und verdiente sich seine ersten Nachkriegsgroschen damit, dass er den Töchtern und Söhnen sowjetischer Offiziere Geigenunterricht erteilte. Als die Cafés wieder ihre Türen öffneten, erhielt er ein Engagement als Stehgeiger in der Friedrichstraße. Nicht schlecht für den Anfang. Dann aber landete er beim Theater. Für einige Zeit gab er im Metropol den ersten Geiger, im Anschluß bot sich ihm ein Posten bei der Deutschen Staatsoper Berlin. Hier stieg er in kürzester Zeit zum Orchesterinspektor auf. Es hätte im Grunde nicht besser kommen können.

Im Jahr 1956 jedoch wurde ihm, aus welchen Gründen auch immer, im Osten der Boden zu heiß unter den Füßen. Kurzerhand machte er mit seiner Familie rüber in den Westen. Hier war man, was die Vergangenheit anlangt, um einiges nachsichtiger und duldsamer. Die Deutsche Oper am Rhein wurde grundlegend umgebaut, in Duisburg war die Stelle eines Orchesterinspektors zu besetzen. Karl bewarb sich und Karl bekam sie. Zur Wiedereröffnung des Hauses wurde Ludwig van Beethovens »Fidelio« zur Aufführung gebracht. Nach der Premiere in Düsseldorf gab es stehend Beifall und jede Menge Ovationen aus dem Publikum.

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 04.02.2013 | Frontberichte
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