Sieben Brüder

Generation Stalingrad #5

Und dann kam Walter. Fünf Jahre jünger als Ludwig und von Natur ein Leichtfuß und Draufgänger, wurde er von den Brüdern in jungen Jahren bereits als ziemlich verrückter Kerl verehrt; Walter war der Held der Familie, der Liebling aller, auch wenn es niemand offen aussprach. Sein Taufname lautete Victor und dürfte seinen Wagemut beflügelt haben, am Ende aber bewahrte auch dieser ihn nicht davor, als Verlierer das Schlachtfeld zu verlassen. Blindlings beinahe rannte er in Frankreich dem Tod ins Messer, ins offene Messer.

Walter gehörte einer Eliteeinheit an, diente bei einem Panzer-Artillerie-Kommando der Armee und brachte es im Laufe des Krieges vom Infanteristen bis zum Unteroffizier. »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt, nunmehr ist mir die Krone der Gerechtigkeit hinterlegt.« So das Wort, das der Vater seinem Sohn in den Mund legte, als er den Totenzettel aufsetzen ließ. Mehrfach wegen Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet, bekam Walter bei einer der letzten Offensiven, die die Wehrmacht in Frankreich startete, eine Kugel verpasst. Sie traf ihn, als er und das Kommando, mit dem er unterwegs war, sich in ein Artillerieduell mit den Streitkräften der Alliierten verbiss. Tödlich, aus dem Nichts. Das war im Altweibersommer des Jahres '44.

Vier Jahre vorher, im Sommer 1940, war Walter zur Wehrmacht eingezogen worden –, gut möglich, dass er sich freiwillig gemeldet hat. Wie immer, er war jung, kräftig und gesund, bestens geeignet, in der Wüste seinen Mann zu stehen. Italien benötigte in Afrika Unterstützung, also bildete die Wehrmacht ein Spezialkorps aus, um den Engländern die Vorherrschaft in Nordafrika zu nehmen, das legendäre Afrikakorps. Mit General Rommel gelangte Walter zügig bis kurz vor El Alamein, dann erfolgte der Rückschlag, eine Niederlage des Korps besiegelte die nächste, am Ende fand Walter sich ohne den »Wüstenfuchs« in einem Hospital in Tunis wieder, verwundet, entkräftet, geschlagen. Aber er hatte Glück, wurde abtransportiert und zur Erholung nach Hause geschickt. Dann, Ende 1943, rief man ihn erneut, es ging – wie schön – nach Italien, wo man ihn in die Schlacht um Monte Cassino warf. Über die Greuel, denen er ausgesetzt war und die er mit seinen Kameraden veranstaltet hatte, mochte er den Eltern nichts schreiben, er versicherte ihnen wie stets nur, noch gehe es ihm gut. Als der Angriff alliierter Truppen auf den heiligen Berg der Benedektiner fürs erste zurückgeschlagen war, versetzte die Heeresleitung ihn mit seiner Einheit nach Frankreich an die Westfront. Noch einmal Blitzkrieg, ein letztes Mal, diesmal für Elsaß-Lothringen. Auf den Feldern Lothringens war es auch, auf denen man Walter zum Unteroffizier beförderte. Dem Vater schrieb er im März '44: »Die Sonne schien heute so herrlich. Und meine neuen Litzen haben so herrlich geglänzt. Ja, ich bin ein ganz stolzer Preußischer Edelkorporal geworden.« Ein halbes Jahr später ereilte ihn der Tod auf dem Schlachtfeld. Im letzten Brief nach Hause, drei Tage vor dem entscheidenden Duell, hatte Walter den Seinen wie stets versichert: »Es geht mir noch gut.« Als der Brief ankam, ging es ihm längst nicht mehr gut. Gleich neben dem NS-Liederbuch und einem Stapel römischer Ansichtskarten fand der Vater in dem ihm zugegangenen Tornister Walters einen Marienpsalter, den er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, der Mutter zur Aufbewahrung in die Hand drückte.

 

Sieben Brüder

Kneeb Wenedikt Kommandor: Die Gefallenen sind unter uns | 2013

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 22.02.2013 | Frontberichte
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