Sieben Brüder

Generation Stalingrad #6

Heinrich, um ein Jahr jünger nur als Walter, wurde kurze Zeit nach seinem Bruder zum Dienst in die Wehrmacht einberufen. Das Handwerk des Krieges lernte er bei einem Infanterieregiment in Hamburg-Wandsbeck. Sechs Monate später stand er bereits an der Front; von Suwalki, Polen, aus ging es mit der Panzergruppe 3 unter Generaloberst Hermann Hoth Richtung Osten. Das »Unternehmen Barbarossa« rollte an, und der getreue Heinrich war von Anfang bis Ende dabei.

Minsk wurde genommen, dann Smolensk, zurück blieben brennende Dörfer und zerbombte Städte, Gefallene und Verwundete, Erschossene, Verwaiste, Deportierte, Geschändete. Im November '41 stand Heinrich mit den Panzerverbänden Hoths bereits 30 km vor Moskau, dann kam der Winter. Als es wieder Frühjahr wurde und die Straßen halbwegs passierbar, wurde Heinrich in den Kaukasus versetzt, den Russen die Ölquellen am Kaspischen Meer zu entreissen. Zur gleichen Zeit hielten Einheiten der Roten Armee dem schon als siegreich abgehakten deutschen Angriff auf Stalingrad überraschend stand –, schlimmer noch, sie setzten zum Gegenangriff über, ja, es gelang ihnen mit Unterstützung nachrückender Verbände, womit niemand gerechnet hatte, sie kesselten eine ganze Armee der Deutschen ein, die 6. unter General Paulus. Zweihunderttausend Mann sahen sich plötzlich von der Aussenwelt abgeschnitten –, bis auf eine schmale Luftbrücke, die unzureichend bedient und genutzt wurde. An ein Durchkommen war nicht zu denken, und der russische Winter stand bereits in der Tür. Umgehend wurde das Infanterieregiment Heinrichs zurück an die Wolga beordert, um mit einigen Panzerdivisionen des Führers Entsatz für die Eingekesselten zu schaffen. Das Unternehmen hörte auf den Namen »Wintergewitter«, ging aber mächtig nach hinten los. Heinrich traf der Blitz nachgerade. Das war so gegen Weihnachten '42. Aber er hatte Glück. Schwer verwundet, wurde er mit einer der letzten Maschinen, die den Kessel von Stalingrad verliessen (naturgemäß: eine der letzten!), zurück nach Deutschland verfrachtet. Über Monate lag er in einem Augsburger Lazarett auf Station. Grund war nicht zuletzt eine üble Schädelfaktur. Als die Ärzte im Lazarett Heinrichs Schädeldecke, so weit es eben ging, wieder geflickt hatten, ein knappes Jahr später, flatterte Heinrich, er war gerade auf Heimaturlaub, schon wieder ein Einsatzbefehl in den Schoß. Unverzüglich, hieß es, zurück an die Ostfront.

 

Sieben Brüder

Kneeb Wenedikt Kommandor: Feuerpause in Stalingrad | 2003

 

Sich nur nicht unnötig reinhängen, so lautete von nun an die Devise Heinrichs. Kurze Zeit später durchfurchte er mit seinen Leuten erneut den tiefen russischen Boden, jetzt aber vornehmlich in umgekehrter Richtung. Statt auf Moskau, ging es rückwärts Richtung Westen. Eine Niederlage folgte auf die andere, auf ganzer Front gab es, was immer die Wehrmacht anstellte, zuletzt nur eins: Rückzug, kurz standhalten und erneuter Rückzug. Nicht eine einzige Linie der Wehrmacht, die der Angriffswalze und den Geschützen der Roten Armee widerstand. Am Ende sah Heinrich den Gewehrläufen der Roten Armee direkt vor den Toren Berlins ins Auge. Er hielt sich bedeckt, so weit es eben ging –, hier, wie bei den Straßenkämpfen, in die er noch kurz verwickelt wurde. Die Schlacht um Berlin sollte Heinrichs letzte Schlacht sein. Als sie geschlagen und verloren war, als die Flagge mit Hammer und Sichel blutrot im Wind über dem Reichstag flatterte, befand Heinrich sich in russischer Kriegsgefangenschaft. Leipzig stand auf dem Zug, mit dem er zur weiteren Verwendung abtransportiert wurde. Kriegsbeute. Allein, es gelang ihm die Flucht. Heinrich war, auf welchen Wegen auch immer, an eine Uniform der Reichsbahn gelangt, hatte diese umgehend mit der der Wehrmacht getauscht, die ihm am Leib schlotterte, und zog, getarnt als Streckenwärter, unbehelligt seiner Wege. Immer den Gleisen nach. Das Netz der Reichsbahn kannte er schließlich von Kindheitsbeinen aus dem Effeff.

 

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 28.02.2013 | Frontberichte
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