Sieben Brüder

Generation Stalingrad #7

Hans, um vier Jahre jünger als Heinrich, hatte lange nicht so viel Glück wie dieser, als der Krieg an sein Ende gelangte. Am eigenen Leib sollte er erfahren, was es heißt, als Offizier des Dritten Reiches wenn nicht in russische, so doch in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Er kam erst ein Jahr nach Kriegsende wieder nach Hause, furchtbar abgemagert, um drei Zähne, seine Litzen und den Glauben ärmer, für die rechte Sache gekämpft zu haben.

 

Dabei hatte es anfangs so ausgesehen, als stünde Hans, groß und stark wie er war, bei der Wehrmacht eine glänzende Karriere bevor. Gerade aus der Lehre entlassen, noch keine 18 Jahre alt, hatte er sich 1942, wie andere junge Leute, beim Reichsarbeitsdienst verpflichtet. In kürzester Zeit brachte er es hier zum Hauptvormann. Als er den Dienst beendet hatte, lag der Stellungsbefehl der Wehrmacht bereits auf dem Tisch. Das Pionier-Bataillon 20 in Hamburg-Harburg rief, und Hans folgte dem Ruf nicht ohne Stolz. Bei der Grundausbildung bewährte er sich prächtig, das Vorbild des Vaters und das seiner Brüder vor Augen, zeichnete er sich in allen Belangen vor anderen aus. Also eröffnete man dem jungen Mann die Chance, an einem Offiziers-Lehrgang teilzunehmen. Hans schloss ihn mit Erfolg ab und wurde im Range eines Reserveoffiziers entlassen.

Im Januar '44 kam Hans an die Ostfront, er landete bei einer Pionier-Einheit, die auf der Westseite des vollständig mit Eis überzogenen Peipussees stationiert war. Gerade eben war Leningrad von der Roten Armee befreit worden, nach 900 Tagen Belagerung durch die Wehrmacht. Auch wenn es dem Führer ganz und gar nicht passte, das Oberkommando der Wehrmacht kam nicht umhin, südwestlich von Leningrad, in Estland, umgehend eine Rückzugslinie für die von sowjetischen Infanterie- und Panzerverbänden bedrängten, schwer unter Beschuss geratenen Truppenteile einzurichten. Also machte sich Hans mit seinen Jungs an die Arbeit, um die, wie sie offiziell hieß, »Pantherstellung« vorzubereiten und als Front auszubauen. In Gefechte wurden sie nicht verwickelt, nur ab und an kam es zu Scharmützeln mit sowjetischen Spähtrupps. Nichts von Gewicht. Fünf Monate später, im Juni 1944, wurde Hans zum Unteroffizier befördert und zurück nach Hamburg beordert. Glück gehabt. Der »Ostwall« hielt dem schweren Geschütz der Roten Armee und ihren Panzerverbänden keinen Sommer stand. Die Rückfahrt über Berlin war allerdings nicht ohne, es ging durch Gebiete, in denen stets mit einem Partisanenangriff zu rechnen war.

Unversehrt zurück in Hamburg flogen dem jungen Unteroffizier Hans allerdings bald schon die Bomben der Alliierten um die Ohren. Und das in grosser Zahl. Überhaupt nicht schön. Der Feuersturm, der im Jahr zuvor in der Hansestadt gewütet und Hans hatte Dinge sehen lassen, über die er zeitlebens nicht wird reden wollen, war erst der Anfang des Grauens, das auf Deutschland wartete. Noch aber wandelte Hans im Glück. Am 1. September wurde er nach Dessau-Roßlau beordert, um an einem weiteren Offizierslehrgang teilzunehmen. Den Truppen des Führers gingen allmählich die Führungskräfte aus. Ohne es recht zu begreifen, stieg Hans in kürzester Zeit zum Oberfähnrich auf, zwanzig Tage später durfte er sich bereits Leutnant nennen.

Im Range eines Leutnants ging es für Hans im Januar 1945 an die Westfront. »Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein«. Von wegen. Zwischen Düren und Jülich bezog Hans mit einem Trupp ihm unterstellter, blutjunger Soldaten Stellung. Der Befehl lautete, den Vormarsch der Alliierten wenn nicht zurückzuschlagen, so doch unverzüglich zum Stehen zu bringen. Vergeblich. Rückzug also, und das auf breiter Front. Zuerst wich Hans mit seinen Leuten nach Neuß aus, dann ging's über den Rhein gen Düsseldorf, schließlich kam der Befehl, sich an der Sieg zu verschanzen, um den Amerikanern dort Paroli zu bieten. Das Ergebnis war, er saß mit seinen Jungs und der Heeres-Gruppe B unter Model im Ruhrkessel fest, eingeschnürt und attackiert von der 1. und 9. US-Armee. Hans' Devise lautete jetzt: Sich ruhig verhalten, durchhalten, wie auch immer. Berührungen mit dem Feind liessen sich freilich kaum vermeiden; ab und an lagen sie schwer unter Feuer. Das letzte Gefecht, in das Hans verwickelt wurde oder aber in das er sich warf, fand am 15. April im Solinger Wald statt. So steht's im Tagebuch. Zwei Tage später, er ahnte nichts Böses, war vielmehr gerade mit Kameraden auf dem Weg ins Quartier, Essen fassen, da geschah es: Hands up! Man war einer Patrouille der Amerikaner in die Arme gelaufen, blindlings.

 

 

Sieben Brüder

Franz Radziwill: Deutschland 1944

 

Aber wer geglaubt haben sollte, jetzt sei Schluss, sah sich bald eines Besseren belehrt. Im Lager Remagen, wohin sie überführt worden waren, den Rheinwiesen, auf denen bereits mehr als hunderttausend deutsche Soldaten in Stacheldrahtverhauen vegetierten, an den Ufern des Rheins also wurden die Neuankömmlinge von der Wachmannschaft erst einmal kräftig mit Dachlatten durchgeprügelt. Auch auf Seiten der Amerikaner wusste man, was es für einen deutschen Soldaten heißt, einem Steckrutenlauf ausgesetzt zu sein. Wer zu den Offizieren zählte, kam in ein separates compound. Einige Tage später verfrachtete man die Herren zur Entnazifizierung in ein Speziallager außerhalb Deutschlands. So auch Hans, den jungen Leutnant.

Eingepfercht in Güterwaggons ging es in Richtung Compiègne. Auf einer Anhöhe unweit der alten Garnisonsstadt erwartete die Offiziere, was zu entfachen sie andernorts selten Scheu getragen hatten: die, wie sie unter den Kriegsgefangenen hieß, »Hölle von Attichy« – eine Art Guantanamo vor Guantanamo. Schläge waren noch das Geringste, was deutsche Offiziere an diesem Ort erwartete. Zuerst einmal nahm man ihnen die Kleider ab; sie mussten sich splitternackt ausziehen und alles rausrücken, was sie an Wertsachen und persönlichen Gegenständen bei sich trugen. Nackt, entblößt, zur Kreatur erniedrigt und damit der letzten Ehre beraubt, wurde ihnen dann, während es eine Kanonade übelster Schimpfworte hagelte, ein Satz Kleider zugeteilt und eine Gefangenennummer. Mehr nicht. Hans erhielt die Nr. 31 2 G 2 431 824.

Das Zelt, das er sich mit 49 Kameraden zu teilen hatte, maß kaum mehr als zwölf Schritte in der Länge und vier in der Breite. Kein Stroh auf der Erde, keine Plane zur Hand, auf die man sich hätte betten können. An ein Umdrehen des Nachts war nicht zu denken. Das Essen mehr als dürftig; in den ersten Monaten hatte man sich mit acht Leuten 600 Gramm Brot täglich zu teilen, dazu kam um 3 Uhr in der Früh eine Milchsuppe oder aber auch nicht. Je nach dem. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht einer der Offiziere vor Schwäche vom Donnerbalken in eine der Latrinengruben stürzte, die offen auf dem Lagergelände verteilt lagen. Abwechslung gab es so gut wie keine, ein Tag war wie der andere. Die Vorträge, die von den Mitgefangenen angeboten wurden, der Unterricht in Englisch und andere Veranstaltungen rauschten an den Gefangenen vorüber, als ob sie gar nicht stattfänden. Man war viel zu schwach, als dass man sich auf etwas anderes hätte konzentrieren können als die Frage, wann und was es zu essen gibt. Über Wochen, Monate lungerte man mit einem riesigen Loch im Bauch im Freien herum. Der Aufenthalt in den Zelten war tagsüber strengstens untersagt. Das dauerte gut vier Monate, dann verbesserte sich die Lage allmählich. Wer wollte, konnte arbeiten, man erhöhte Tag für Tag die Essensrationen, wer sich ordentlich führte, dem wurde die baldige Entlassung in Aussicht gestellt.

Ende Januar '46 war es für Hans so weit. Mit dem Zug ging es über Verdun zurück nach Munsterlager und von dort nach Hannover Hauptbahnhof, wo man ihm den Laufpass gab. Von hier aus war es nicht mehr weit, knapp hundert Kilometer bis nach Hause, die Hans zu Fuß in Angriff nahm. Es war bitterkalt, als er die Landstrasse gen Westen einschlug, auf halben Weg begann es zu schneien, über die Lippen des jungen Mannes aber drang nicht eine einzige Klage.

 

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 05.04.2013 | Frontberichte
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