Sonderzug nach Riga

Bielefeld Bahnhof | vor 75 Jahren

Der 13. Dezember 1941 fiel auf einen Samstag. Draußen war es bitter kalt, als ein Zug in den Bielefelder Bahnhof einlief, der auf keinem Fahrplan ausgewiesen war. Es handelte sich um einen Sonderzug, der über Hannover und Berlin nach Riga gehen sollte. Über die Bestimmung des Zugs bestand kein Zweifel: er diente der Deportation von Bürgern jüdischer Abstammung in den Osten, in die Todeszone Europas, auf einen der Blutäcker, die im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes dort angelegt worden waren.

Der Zug kam aus Münster (über Osnabrück) und bestand ausschließlich aus Abteilwagen 3. Klasse. Die Abfahrt war für etwa 15 Uhr terminiert. Bis dahin hoffte man, die »Fahrgäste« im Zug untergebracht und die Türen von außen verschlossen und verplombt zu haben. In den Waggons befanden sich bereits jede Menge Männer, Frauen und Kinder aus dem Raum Münster und Osnabrück, in Bielefeld kamen über 400 weitere Personen hinzu, nicht nur Juden aus Bielefeld, sondern auch aus Herford, Bünde, Vlotho und Gütersloh, aus Lemgo, Detmold und Brakel, aus Paderborn, Fürstenau, Lügde und Bad Lippspringe, aus Minden, Hausberge sowie anderen Städten und Gemeinden der Region.

Einige Tage vorher schon waren die in Bielefeld selektierten Juden aufgefordert worden, alles stehen und liegen zu lassen und den Männern in den Ledermänteln, sprich der Gestapo, zu folgen. Ein jeder durfte maximal 100 Pfund Gepäck und Essen für 3 Tage mitnehmen; die Wohnungen wurden versiegelt. Auch hatten sie dem Finanzamt gegenüber eine achtseitige Vermögenserklärung zu unterzeichnen, durch die sie sich mit der Enteignung ihres Besitzes durch das deutsche Reich einverstanden erklärten. Es heißt, einige Finanzbeamte hätten sich bei dieser Aktion eine goldene Nase verdient. Wie auch immer. All das, wofür der Staat oder seine Beamten kein gesondertes Interesse hatte, gelangte einige Wochen später zur öffentlichen Versteigerung. Auch die Bürger sollten von der Ausweisung der Juden etwas haben. Das Geld für die Fahrkarte nach Riga war von den Deportierten aus eigener Tasche zu entrichten.

Sammelpunkt für die Bielefelder Juden war das am Kesselbrink gelegene, mit der Straßenbahnlinie 3 leicht zu erreichende Restaurant ‹Kyffhäuser›. Im großen Saal des traditionsreichen Hauses hatte man die Teppiche und das Mobiliar beiseite geräumt, um Platz für die »Gäste« zu schaffen. Auf dem Boden des großen Saales war Stroh verteilt worden, damit die Leute nicht auf dem nackten Boden schlafen mussten. Es gab nicht wenige, insbesondere Schüler, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten und immer wieder an den Fenstern des ‹Kyffhäuser› auftauchten, um einen Blick ins Innere zu werfen, bis sie von der Gestapo verscheucht wurden. Wer einquartiert worden war, dem war es unter Androhung schwerster Strafe untersagt, die Gaststätte zu verlassen.

Am frühen Morgen des besagten Samstags machten Angestellte der Stadt sich daran, das Gepäck der zur Deportation bestimmten Juden auf Leiterwagen zu verladen, um es, getrennt von ihren Besitzern, zum Bahnhof zu transportieren. Gegen Mittag dann fuhren Busse des städtischen Betriebsamtes vor dem ›Kyffhäuser‹ vor und brachten die zum Teil merkwürdig gewandeten, da mit mehreren Kleidungsstücken übereinander ausstaffierten Internierten vor aller Augen zum Güterbahnhof, wo der Sonderzug nach Riga bereits auf sie wartete. Auch wenn es beim Einsteigen in den Zug zu einigem Gerangel kam, nicht zuletzt da es auf dem Güterbahnhof keine regulären Bahnsteige gab, klappte am Ende alles reibungslos. Der Zug verließ pünktlich den Bahnhof. Verantwortlich für die Aktion vom 13. Dezember war Kriminalobersekretär Wilhelm Pützer.

Obgleich die Waggons nicht beheizt wurden, langten sämtliche Insassen des Zuges nach dreitägiger Fahrt ordnungsgemäß in Riga an; von den dort der Obhut der SS überantworteten Juden überlebten gerade mal 48 das Leben im Ghetto von Riga und in den Lagern, in denen sie auf Geheiß der SS Zwangsarbeit zu verrichten hatten, davon 6 aus Bielefeld. In dem vom Bielefelder Sicherheitsdienst einige Tage später angefertigten Rapport heißt es, »daß die Aktion von dem weitaus größten Teil der Bevölkerung begrüßt wurde. Einzeläußerungen war zu entnehmen, daß man dem Führer Dank wisse, daß er uns von der Pest des jüdischen Blutes befreie. [...] Erstaunen zeigte man vielfach in der Bevölkerung, daß man den Juden zum Transport nach dem Bahnhof die gut eingerichteten städtischen Verkehrsautobusse zur Verfügung stellte.«

 

Sonderzug nach Riga

Bielefeld G├╝terbahnhof | 13. Dezember 1941

 

Wer nun meint, die "Judenfrage" habe sich in Bielefeld mit dieser und den darauf folgenden Deportationen erledigt, sieht sich getäuscht. So hatte, um nur ein Beispiel zu geben, eine in der Stadt überaus angesehene Textilfirma, die ‹Katag A.-G.›, aufgrund ihres Namens derart viel Ärger mit den Behörden, daß die Geschäftsführung sich im Dezember 1942 genötigt sah, ein Gesuch mit der Bitte um Klärung an das Reichsjustizministerium zu richten: »Die Katag«, heißt es in dem Schreiben, »wurde in den Jahren 1937/38 arisiert. Der Firmenname ‹Katag› als Abkürzung für Katz & Michel Textil A.-G. wurde bei der Arisierung insofern geändert, als wir nunmehr die Bezeichnung ›Katag‹ als Phantasiebezeichnung eintragen ließen mit dem Zusatz ‹A.-G.›, so daß nunmehr im Handelsregister Bielefeld eingetragen steht ‹Katag A.-G.›. Neuerdings ist von der deutschen Arbeitsfront aus unsere Firmenbezeichnung ‹Katag› beanstandet worden, da sie noch eine Silbe des jüdischen Namens Katz in sich enthalte. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß bei der Bezeichnung ‹Katag A.-G.› die beiden ersten Buchstaben Ka in keiner Weise mehr als Bestandteil eines jüdischen Namens erkannt werden können.« – Da das Problem nicht so leicht zu lösen war, wie man sich das bei der ‹Katag› wohl versprochen hatte, bat das Justizministerium die Reichskanzlei um eine Stellungnahme in der Sache. Hier wurde die Frage in endlos sich hinziehenden Diskussionen erörtert, bis Bormanns Büro sich am 23. März 1943 zu einem Kompromiß bereit fand: Einstweilen, das heißt auf Dauer des Krieges, sei es der ‹Katag› gestattet, den Firmennamen beizubehalten, nach Beendigung des Krieges werde der Fall neu aufgerollt und abschließend geklärt.

 

tado ink | 13.12.2016 | Frontberichte
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