Spiel mir das Lied vom Tod

Auf Stippvisite in der Provinz

Die Stadt O. an der S. liegt eingebettet in einem berauschenden Meer aus Feldern, Weiden und sanft durch die Landschaft fließenden Bächen. So abgeschmackt das klingt, es ist die reine Wahrheit. Die Stadt ist derart malerisch, dass ihr Anblick einem von ferne bereits schwer aufs Gemüt schlägt.

Wer einmal dem Singsang lauschte, mit dem die stets rüstigen Bewohner sich untereinander verständigen, und mit ansah, wie vergnügt die wohl genährten und nachhaltig auf Biosiegel getrimmten Rindviecher des Städtchens so vor sich hin glotzen, um den ist es geschehen, der vergisst O. an der S. nimmermehr.

Die Stadt O. an der S. zu erreichen ist freilich ziemlich mühselig. Wer nach O. will oder sich zufällig dorthin verirrt, der hat eine Unmenge von Land zu überqueren und sieht sich dabei mehr als einmal jäh von Starenkästen ausgebremst. Diese verfolgen augenscheinlich keinen anderen Zweck, als den Herzschlag des Reisenden zeitig auf den Puls des Städtchens herunter zu drosseln. Hat man das original verpackte Ortseingangsschild dann passiert, ins Wachkoma gelegt oder um ein, zwei funkelnde Sternchen im Flensburger Sammelalbum reicher, findet man sich unversehens auf Bauland wieder. Halbfertige Einfamilienhäuser – so weit das Auge reicht. Als eingefleischter Städter, Bildungsbürger mit Anspruch auf Kurzweil, Entdecker von Museen und Szene-Clubs, Liebhaber urbaner Betonwüsten und üppig aufgetischter Delikatessen aus dem Elsass, lässt sich der Fluchtreflex schon hier, an der Peripherie des Städtchens, kaum mehr unterdrücken. Und dann, kein Mensch zu sehen, kein einziger. Wo mögen sie bloß sein, die Einwohner von O.? Ob sie sich vielleicht, der Provinz überdrüssig, nach Gelsenkirchen oder an die entlegenen Ufer des Rheins aufgemacht haben? Sollten die mutigen unter ihnen, hipp-aktionistisch bewegt, sich womöglich gar auf dem Weg in die Hauptstadt befinden, an den Ufern der Spree das Weite suchend?

Nichts da. Tatsächlich ist das Städtchen, wie ich feststellen musste, schwer im Kommen. Ein Magnet nicht nur für Frauen im besten Alter, sondern gleichermaßen für weichgespülte, mit Werkzeuggürteln ihre Männlichkeit demonstrierende Typen, für Köter, Fensterbilder, Bälger, Ponys und Holzspielzeuge. Gleich im Rudel eingetroffen, haben sie in der Erde von O. auf der Stelle Wurzeln geschlagen, überzeugt, das gelobte Land bis zum letzten Kuscheltierfetzen verteidigen zu müssen. Strategischer Rückzug oder gar Frontbegradigung? Auf keinen Fall. Nichts da. Nicht mit Pappi!

Noch aber ist es am Stadtrand muxmäuschenstill. Versetzt in die klamme Kulisse eines Sergio-Leone-Westerns, streiche ich umher und suche in O. nach einem Menschen –, die Musik Ennio Morricones im Ohr, die Knarre auf Anschlag, hinter jedem halbgaren Klinkerbau einen verlebten Amigo witternd, der den Poncho fest gezurrt und in seiner Linken eine Winchester trägt, um ein tödliches Tänzchen mit mir zu wagen.

Das Auftauchen einer Kirche gibt Hoffnung, wenn auch nur auf die Existenz eines Stadtkerns. „Bang! Du bist tot!", heißt es plötzlich hinten mir. Als ich mich umdrehe, steht ein etwas kurz geratener Kasper vor mir, in hanfgeklöppelter Cowboymontur einen Revolver direkt auf mich gerichtet. Eine fingierte Waffe nur, wie ich schnell erkenne, aus Daumen und Zeigefinger montiert. Das Ding scheint sich allen friedensbewegten Erziehungsmaßnahmen gegenüber als resistent zu erweisen. Ich empfinde Mitleid mit dem Kleinen. „Du bist tot!", insistiert er mit altklugem Tonfall und erwartet, dass ich auf der Stelle umfalle. Ich rümpfe nur kurz mit der Nase, was dem Bengel indes nicht reicht. „Tot! Tot! Tot!" Schreit er. Gott sei Dank gehört auch in O. an der S. Funktionskleidung mit Wolfstatze inzwischen zum Standard, so dass die Mater des vorwitzigen Übels kein Problem hat, den Schauplatz zügig zu erreichen, um mir den Gefallen zu tun, die fleischgewordene Beschäftigungstherapie, die sie da in die Welt gesetzt hat umgehend zurückzupfeifen. In Gedanken stelle ich mir das Muttertier rauchend vor, ersetze Naturfasern durch Synthetik und male mir aus, wie der Polyesterzwirn samt dem Kinde durch Muttis hütende Hand lodernd in Flammen aufgeht. Ich lächle äffisch, das kleine Aas genauso, alle sind zufrieden.

Neben der Kirche, einer pittoresken Beteinrichtung von anno dazumal, steht ein Gasthaus, das zur Einkehr lädt. „Zum schimmernden Schimmel" – in Anbetracht der Lage geradezu dichterisch, ein Stabreim, ach, formvollendet! Katharsis! „Zion, Du mein rettender Hort der Trunksucht". Dann der Nackenschlag: Wegen rückläufiger Begeisterung auch nach Pfingsten geschlossen. Zu dumm. Last Exit: Messwein oder Totsein.

Jaqueline Fensch

Spiel mir das Lied vom Tod
tado ink | 20.06.2011 | Frontberichte
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