Sterntaler

24. Dezember 1889

Wovon man Jahrzehnte nur träumen konnte und was man beinahe schon abgeschrieben hatte (Stichwort: Klimawandel), heute wird es wahr: Weiße Weihnachten. Ich habe die Mortobello bis zum Eselshaupt und darüber hinaus illuminieren lassen, unter Deck und in der Messe ist alles festlich geschmückt, der Smutje hat Order ein Menü zu zaubern, wie es die Mannschaft und die Offiziere seit unserer Abfahrt nicht bekommen haben. Der kleine Hawkins flitzt seit sechs in der Frühe furchtbar aufgeregt hin und her und bringt dabei mehr durcheinander als erlaubt. Aber wer mag es ihm an einem Tag wie diesem verdenken.

Derweil gehe ich ruhig in der Kabine auf und ab und sage mir ein ums andere Mal eines dieser Märchen auf, die man nicht wieder vergißt. Meine Großmutter hat es mir in jungen Jahren erzählt, und heute Abend möchte ich es den Leuten in eben dem Ton erzählen, den meine Großmutter anschlug, als sie es mir erzählte:

 

Sterntaler

Louis Katzenstein: Die Brüder Grimm auf Besuch bei einer Märchenfrau | 1892

»Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und kei Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat greint Tag und Nacht. Und weil auf der Erd Niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie's endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie's zur Sonn kam, war's ein verreckt Sonneblum und wie's zu den Sterne kam, warens klei golde Mück, die waren angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie's wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich's hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein.«

tado ink | 24.12.2010 | Logbuch
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