Stille im Land

Spätsommer

Wie seltsam still es im Lande ist. Es herrscht Wahlkampf, aber es gibt nicht den geringsten Streit, keine Kontroversen, keine Anfeindungen, keine Skandale, keine Verwerfungen. Sieht man einmal von den Schreihälsen und Rabauken in der rechten Ecke ab, dann scheint es, als ob sich alle einig wären; alle sind lieb miteinander, sie hätscheln und tätscheln sich und versprechen in etwa das Gleiche. Man wiegt und kost sich, und am Ende stimmt man in den Singsang des deutschen Alltags ein: »Alles Gut? Alles Gut!«. Als ob die Wahl bereits entschieden wäre. Ist das hier die DDR? Biedermeier for ever? Keine Störung der öffentlichen Ordnung, bitte. Ruhe als erste Bürgerpflicht? – Und die Journaille, die vierte Gewalt, das Sprachrohr der bürgerlichen Gesellschaft? Macht wie immer gute Miene zum bösen Spiel.

Dabei gibt es jede Menge von Themen, über die zu streiten an der Zeit ist, da sie den Bürgern im Lande unter den Nägeln brennen: Wie halten wir es mit dem Euro, mit Europa überhaupt, jetzt, da die Briten die Anker gelichtet und sich aus Brüssel verabschiedet haben? Ist die »Ehe für alle«, die noch eben kurz vor der Sommerpause verabschiedet wurde, wirklich verfassungskonform und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Sollte man nicht auch die Polygamie legalisieren, die Bigamie und was der Formen des Zusammenlebens mehr sind? Wie steht es um die sogenannte Energiewende? Ist auf Windkrafträder und Photovoltaik wirklich Verlaß? Immer und jeder Zeit?Was nützt uns die Unmenge an Strom, die erzeugt wird, wenn wir nicht in der Lage sind, diese zu sinnvoll verteilen und zu speichern? Sind wir nicht längst dabei, dank der ökologischen Mission, der wir uns verschrieben haben, uns unser eigenes Grab als Industrienation zu schaufeln? Und was ist mit den tausenden und abertausenden Migranten und Asylanten, die größtenteils, wie ich vermute, weiterhin in irgendwelchen Lagern hausen und keine Arbeit finden? Alle sprechen von Integration, aber keiner von einem Einwanderungsgesetz. Und wozu überhaupt Integration, wo der Bürgerkrieg in Syrien und im Irak doch im Abklingen begriffen ist? Ist es nicht ein Skandal, daß die Steuereinnahmen so hoch wie nie sind, die Kosten für Arbeit und Soziales aber gleichzeitig in ungeahnte Höhen schnellen? Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Und der Terror? wie halten wir es mit dem Terror? Zeichen setzen? Genügt das? Werte verteidigen, indem wir Partys gegen Rechts organisieren und unsere Innenstädte mit Betonpoller, Sicherheitsschleusen und Videoüberwachung ausstatten? Wollen wir wirklich den totalen Staat? Fragen über Fragen, aber kaum einer, der sie aufwirft, angeht und in der politischen Arena so zur Diskussion stellt, das sie in aller Schärfe sichtbar werden. Nicht einmal jetzt, nicht einmal in Zeiten des Wahlkampfs. Armes Deutschland. Einmal mehr Opfer des ihm von Hegel und Konsorten eingefleischten Willens zur absoluten Versöhnung. Es lebe die Nationale Front!? 

 

Stille im Land

Kneeb Wenedikt Kommandor: Vorwärts nimmer | 2017

 

Und dann fand ich bei Alexis de Tocqueville eine Passage, die mir prägnant vor Augen führte, wieweit wir es im Westen inzwischen gebracht haben: „Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, daß er kein Vaterland mehr hat.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, daß die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, daß sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermißt und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?

Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens mit jedem Tag wertloser und seltener; sie beschränkt die Betätigung des Willens auf einen kleinen Raum, und schließlich entzieht sie jedem Bürger sogar die Verfügung über sich selbst. Die Gleichheit hat die Menschen auf dies alles vorbereitet: sie macht sie geneigt, es zu ertragen und oft sogar als Wohltat anzusehen.

Nachdem der Souverän auf diese Weise den einen nach dem andern in seine mächtigen Hände genommen und nach seinem Gutdünken zurechtgeknetet hat, breitet er seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes aus; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz verwickelter, äußerst genauer und einheitlicher kleiner Vorschriften, die die ursprünglichsten Geister und kräftigsten Seelen nicht zu durchbrechen vermögen, um sich über die Menge hinauszuschwingen; er bricht ihren Willen nicht, aber er weicht ihn auf und beugt und lenkt ihn; er zwingt selten zu einem Tun, aber er wendet sich fortwährend dagegen, daß man etwas tue; er zerstört nicht, er hindert, daß etwas entstehe; er tyrannisiert nicht, er hemmt, er drückt nieder, er zermürbt, er löscht aus, er stumpft ab, und schließlich bringt er jedes Volk so weit herunter, daß es nur noch eine Herde ängstlicher und arbeitsamer Tiere bildet, deren Hirte die Regierung ist.«

 

[Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika. Zweiter Teil von 1840, Zürich 1987, S. 463f.]

 

tado ink | 30.08.2017 | Logbuch
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