Über das Märchen

Ein Essay

Weihnachtszeit, Märchenzeit, da lassen auch wir uns nicht lumpen. »Disney Grimm Paris« läuft bereits, und nun hat David Séchard im Auftrag von der Kommandobrücke auch noch ein wenig im Archiv von Pop ’em up gewühlt und ist, wie könnte es anders sein, dort fündig geworden, wo er zumeist fündig wird: in den Papieren des Afanassij Stichijow: kein Märchen zwar, dafür aber etwas Schlaues über das Märchen. Auch schön. Märchen gibt es später.

Wer sich mit Märchen beschäftigt, hat es besser, las ich vor kurzem, besser zum Beispiel als ein Theologe. Während dieser am Ende nicht umhinkommt, an das zu glauben, was er untersucht, befände der Märchenforscher sich in der komfortablen Lage, Wunder und andere außerordentliche Erscheinungen untersuchen zu können, ohne dabei doch gezwungen zu sein, deren Existenz faktisch für gegeben zu halten. Das stimmt.

Für den einfachen, vor esoterischen Anwandlungen gefeiten Leser stellen Märchen keine Form der Offenbarung dar; weder legen sie Zeugnis für die Existenz transzendenter oder ursprünglicher Mächte ab, noch auch transportieren sie zwischen den Zeilen Fingerzeige Gottes. Keine Gründungsurkunden also oder Schriften von ganz oben, Geschichten vielmehr – nicht mehr, nicht weniger – »welthaltige Abenteuererzählungen von raffender, sublimierender Stilgestalt«, um an Max Lüthis konzise Definition zu erinnern. Mit anderen Worten: Beim Märchen handelt es sich um einen phantastisch aufgezogenen Bericht, man könnte auch sagen: um ein Gerücht, das von wundersamen Dingen handelt, um eine Erzählung nicht so sehr sakralen denn vielmehr profanen Zuschnitts.

Kinder sehen das natürlich ein wenig anders. Unfähig (oder nicht willens) streng zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden, nehmen sie das, was ihnen an Märchen erzählt wird, gern für bare Münze. Sie träumen nicht nur, sie sind überzeugt, dass es in der Welt Zauberer, Hexen und Feen gibt, man gut daran tut, sich vor Menschenfressern und anderen Unholden zu hüten, und durchaus die Chance besteht, mit einem Gestiefelten Kater oder was Ähnlichem an der Seite vom Hartz IV-Empfänger zum Multimillionär aufzusteigen. Kurzerhand. In der Imagination des Kindes ist all dies wirklich, nichts so unwahrscheinlich, dass es nicht wahr sein oder werden könnte. Die Welt steckt schließlich für Kinder immer schon voller Wunder –, und was tun Märchen anderes, als Zeugnis davon abzulegen, dass dem so ist. Umhergetrieben in einer Wolke von Erscheinungen ohne Grund und endgültige Gestalt.

 

Über das Märchen

 

Wir lächeln über die kindliche Perspektive, mitunter befällt uns Nostalgie, fühlen wir uns doch durch den Glanz, der in den Augen der Kinder spielt, an jene Zeiten erinnert, als das Wünschen auch uns noch half. Alles in allem aber glauben wir, wissenschaftlich auf- und abgeklärt, wie wir sind, weder daran, dass Märchengeschichten sich so, wie sie erzählt werden, wirklich zugetragen haben, noch auch, dass die naive Moral, die sie transportieren, der Erfahrung unbeschädigt standhält. Dass am Ende alles, alles gut wird, das wäre natürlich schön, allein die Zeit und mehr noch der Tod –, sie sprechen eine andere Sprache.

Was nicht heißt, dass wir auf das Märchen und die Lehren, die es erteilt, auch nur für einen Augenblick verzichten könnten. Es grenzte nachgerade an Idiotie, als eine politisch hyperkorrekte Pädagogik uns vor Jahren einzureden suchte, es sei an der Zeit, das Märchen für immer und ewig aus dem Kinderzimmer und den Herzen der Menschen zu vertreiben, da es sich für die Moral als schädlich, ja verheerend erwiesen habe. Zu wenig »kindgerecht«, altfränkisch zudem, kitschig. Gewiss, Märchen sind nicht frei von Gewalt und Grausamkeit; sie spielen in der Regel in politischen Verhältnissen, denen demokratische Prinzipien und der Emanzipationsgedanke nahezu fremd sind; zu schweigen von dem Umstand, dass sie sich gern stereotyper Geschlechterrollen bedienen, die abzuschaffen einer der zentralen Aufgaben der Gesellschaft von heute sei. Schluß mit Prinzessin und Drachentöter, bösartige Stiefmütter, Zwerge und Feen gehören in den Orkus des Vergessens. – Allein, es stellt sich die Frage, wie eine Welt ohne den vom Zauber umspielten Glauben an die Figuren, Verwicklungen und die Moral des Märchens aussähe? Es steht zu befürchten, man fände sich in einer wieder, deren Verfassung der entspräche, die Hermann Melville als die der Hölle erkannte: die auf Dauer gestellte »Demokratie von Teufeln«.

Nicht das Märchen selbst ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie wir je mit ihm umgehen, was wir unter einem Märchen verstehen und welchen Status und welche Aufgaben wir den von ihm ventilierten Geschichten im Leben einräumen. Dabei ist unsere Vorstellung vom Märchen immer noch weitgehend durch die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm geprägt. Mehr als das. Im Grunde bewegt sich unser Denken über die Herkunft und den Charakter des Märchens exakt in den Bahnen, die von der deutschen Romantik um 1800 im Anschluss an Johann Gottfried Herder abgesteckt und von den Brüdern Grimm ausgelotet wurden. Mit Novalis tendieren wir dazu, das Märchen als »Canon der Poësie« auszuzeichnen, als Mutter aller Dichtung, salopp gesprochen, mit den Brüdern Grimm gehen wir zudem davon aus, dass es sich bei den Märchen um Relikte der Vor- oder Urzeit handelt, um Bruchstücke oder Splitter eines durch die Zeit versprengten Mythos.

Für die Grimms war das Märchen (wie die Sage auch), näher betrachtet, so etwas wie eine Inkunabel des den Germanen eigenen Götter- und Heldenglaubens, Flaschenpost oder Reliquie einer Religion, die im Zuge der Christianisierung Europas unter die Räder geraten war, ungeachtet dessen aber nie aufgehört hat, im deutschen Volk Wirkungen zu zeitigen. Entsetzt durch den von Napoleon über weite Teile Europas verbreiteten Terror der Französischen Revolution, versprachen die Grimms sich von der Arbeit am Märchen, dass sich mit ihr der Mythos als Quellgrund und Fluchtpunkt von Poesie, Wahrheit und Recht wieder freilegen liesse. Einer deutschen Wahrheit, versteht sich, eines deutschen Rechts, einer deutschen Poesie. Novalis und Friedrich Schlegel träumten von einer neuen, einer künstlichen Mythologie –, die Brüder Grimm dagegen setzten wie Ernst Moritz Arndt alles daran, der im Entstehen begriffenen deutschen Nation erneut einen alten, auf dem Schicksals- und Opfergedanken der Germanen beruhenden Mythos als Orientierungshilfe und Folie zur Identitätsbildung ans Herz zu legen.

Auch wenn sich die Erzähl- und Märchenforschung von der politischen Utopie der Grimms längst verabschiedet hat, so hält sie doch – weitgehend unbeirrt – an den idealistischen Prämissen und historistischen Axiomen des von den Brüdern aus Hanau statuierten Märchenkonzepts fest. Nicht nur neigt sie dazu, das Märchen als einen Abkömmling des Mythos zu behandeln, in eins damit wird die mündliche Überlieferung bis heute als das eigentliche Lebenselixier des Märchens angesehen. Das Märchen, so die Überzeugung, sei eine Manifestation der Volkspoesie, beruhe, mit Jacob Grimm gesprochen, nicht auf »Zubereitung«, sondern auf einem »Sichvonselbstmachen«, kenne mithin im Unterschied zur Kunstpoesie keinen anderen Autor als das Volk und habe sich eben deshalb, von Mund zu Mund gehend, gleichsam unbeleckt von literarischen Machenschaften, über Jahrhunderte in ursprünglicher Form erhalten können. Wie die Brüder Grimm, so ist man bei der Erforschung des Märchens auch heute noch vor allem auf eins fixiert, auf die »Reinheit in der Wahrheit einer geraden, nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung«. (Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen (1819)) Ob man Motivtypen oder Handlungsmuster klassifiziert, auf archaische Kulte oder Mythen verweist, an historisch-politische Verhältnisse erinnert oder aber an Archetypen des Sexus und des Unbewussten.

Ab-, um nicht zu sagen ausgeblendet bleibt darüber nicht selten die Bedeutung und Funktion, die professionelle Erzähler und Märchenbücher im Prozess der Überlieferung wahrgenommen haben. Ohne sie als Auffangbecken und Transferstation hätte das Märchen sich längst in alle Winde zerstreut, ohne die »Metamorphosen« des Apuleius zum Beispiel, das »Pentameron« Giambattista Basiles oder aber Charles Perraults »Geschichten von Mutter Gans« ist die erstaunlich konstante Tradierung märchenhafter Stoffe und Formenspiele, wie wir sie aus dem europäischen Raum kennen, ja doch gar nicht vorstellbar. Unzureichend gewürdigt wird von der Forschung außerdem der Umstand, dass das Märchen selbst sich allein in und durch seine Adaptions- und Variationsfähigkeit lebendig erhält, es mithin weniger die Quellen sind, die zählen und von Bedeutung sind, denn die Art und Weise, wie ein Märchenerzähler sich diese je aneignet und mit Blick auf die Gegenwart und sein Publikum abwandelt. Was in den Studios Hollywoods im Anschluss an Walt Disney mit dem Märchen angestellt wurde und wird, ist, so betrachtet, um einiges interessanter als die Frage, ob für das Aschenputtel nicht gar eine alte koreanische Vorlage als Quelle anzusetzen ist. »Fixierte Märchen«, so bereits Achim von Arnim in seiner Replik auf Jacob Grimm, »würden endlich der Tot der gesamten Märchenwelt sein«.

Gewiß, es ist nicht gerade wenig, was die Forschung dem Grimmschen Konzept des Märchens zu verdanken hat. Die Anstöße, die von ihm ausgingen, sind Legion, die mit ihm als Leitfaden angestellten Untersuchungen füllen ganze Bibliotheken. Und doch, so der Verdacht, verkennt man mit den Grimms nicht sowohl den Ursprung, denn vielmehr auch das eigentlich Wesen des Märchens, seinen weniger romantisch-ernsten, denn vielmehr spielerisch-aufgeklärten Charakter. Weit entfernt, dem Mythos selbst entsprungen zu sein und »nachhaltig« Zeugnis von dessen Größe und Wahrheit abzulegen, ist das Märchen vielmehr umgekehrt als ein entschiedener Widersacher oder Gegenspieler des Mythos zu begreifen.

Goethe ahnte etwas davon, als er anläßlich der Aversion Mohammeds den Erzählungen der Scheherazade gegenüber, es unternahm, Märchen als »Spiele einer leichtfertigen Einbildungskraft« zu rechtfertigen; das Schöne an ihnen sei gerade, so Goethe, dass sie jedweder Form religiös-fundamentalen Denkens widersprächen; das Märchen habe »keinen sittlichen Zweck«, es werfe »von daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück«, sondern führe und trage ihn »außer sich hinaus ins unbedingte Freie«. Gut möglich, dass Walter Benjamin eben diese Bemerkung vor Augen stand, als er in seinen Überlegungen zum Erzähler den Widerstreit von Mythos und Märchen scharfsinnig auf den Punkt brachte:

»Der erste wahre Erzähler ist und bleibt der von Märchen. Wo guter Rat teuer war, wußte das Märchen ihn, und wo die Not am höchsten war, da war seine Hilfe am nächsten. Diese Not war die Not des Mythos. Das Märchen gibt uns Kunde von den frühesten Veranstaltungen, die die Menschheit getroffen hat, um den Alb, den der Mythos auf ihre Brust gelegt hatte, abzuschütteln. Es zeigt uns in der Gestalt des Dummen, wie die Menschheit sich gegen den Mythos »dumm stellt«; es zeigt uns in der Gestalt des jüngsten Bruders, wie ihre Chancen mit der Entfernung von der mythischen Urzeit wachsen; es zeigt uns in der Gestalt dessen, der auszog das Fürchten zu lernen, daß die Dinge durchschaubar sind, vor denen wir Furcht haben; es zeigt uns in der Gestalt des Klugen, daß die Fragen, die der Mythos stellt, einfältig sind, wie die Frage der Sphinx es ist; es zeigt uns in der Gestalt der Tiere, die dem Märchenkinde zu Hilfe kommen, daß die Natur sich nicht nur dem Mythos pflichtig, sondern viel lieber um den Menschen geschart weiß. Das Ratsamste, so hat das Märchen vor Zeiten die Menschheit gelehrt, und so lehrt es noch heute die Kinder, ist, den Gewalten der mythischen Welt mit List und Übermut zu begegnen. [...] Der befreiende Zauber, über den das Märchen verfügt, bringt nicht auf mythische Art die Natur ins Spiel, sondern ist die Hindeutung auf ihre Komplizität mit dem befreiten Menschen. Diese Komplizität empfindet der reife Mensch nur bisweilen, nämlich im Glück; dem Kind aber tritt sie zuerst im Märchen entgegen und stimmt es glücklich.« (Der Erzähler, cap xvi, S. 53f.)

Man lese mit der Benjaminschen Brille auf der Nase noch einmal Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen oder aber auch das Aschenputtel. Stets noch erzählt das Märchen davon, wie man sich dem Mythos mit List, Übermut und einer kleinen Hilfe von Freunden oder aber einem Gnadenakt der Natur entwindet, stets noch zeigt es uns, wie man sein Glück diesseits oder jenseits des vom Mythos als sakrosankt behaupteten Zwangs findet, entweder Opfer oder aber Handlanger eines »unerbittlichen« Schicksals zu sein.

Nicht erst heute, von jeher stellt das Märchen den Menschen eine verkehrte, gleichsam gegen den Strich gebürstete Welt vor Augen. Und indem es dies tut, verzaubert es uns und erinnert daran, dass die etablierte, als unhintergehbar, natürlich oder aber selbstverständlich deklarierte Ordnung der Dinge keineswegs die einzige ist, die es gibt. Nicht nur Kinder haben also allen Grund, dem Märchen mehr zu trauen, als dem, was von offizieller oder erwachsener Seite über das Leben und die Welt behauptet wird. Als Vehikel einer geistig über die Maßen verspielten Freiheit transportiert das Märchen eine Erfahrung, die mit Arbeit, Geld oder sozialen Engagement kaum zu erwerben ist. Es ist die eines plötzlich verschwenderisch ins Leben eingreifenden Zufalls, eines Glücks, das verzaubert, indem es uns für einen Augenblick den Zwängen befreit, die der Mythos als schicksalhaft behauptet.

 

 

Weiterführende Literatur:

Hermann Bausinger: Märchen. In: EM ( = Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Kurt Ranke/ Rolf Wilhelm Berlin, New York 1977 ff.) 9 (1999) 250-274.

Walter Benjamin: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Leskows, in: ders., Über Literatur, Frankfurt/M. 1969, S. 33-61.

Roger Caillois: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction, in: Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur, hrsg. v. R. A. Zondergeld, Frankfurt/M. 1974, S. 44-83.

Gilbert Keith Chesterton: Die Ethik des Elfenlandes, in: ders, Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen, Frankfurt/M. 2000, S. 95-131.

Detlev Fehling: Amor und Psyche. Die Schöpfung des Apuleius und ihre Einwirkung auf das Märchen. Eine Kritik der romantischen Märchentheorie, Mainz 1977.

Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen [1947]. Tübingen u. Basel [11. Auflage] 2005.

Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biographie, Berlin 2009.

Heinz Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. München u. Zürich 1992.

tado ink | 14.12.2010 | Stichijows Papiere
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