Über das Phänomen der »Damenwahl« im Tierreich

Nebst einigen Betrachtungen zum Sexualleben des Maulwurfs

Unlängst stöberte ich in einem Buch, das mir eine Freundin vor Jahren zum Geburtstag geschenkt, das zu lesen ich mir aber damals aus heute unerfindlichen Gründen strikt untersagt hatte. Vielleicht war es der Titel, der dazu geführt hatte, das Buch ungelesen wegzuräumen, vielleicht war es etwas anderes. Wie auch immer. Auf jeden Fall habe ich es dieser Tage aus dem Regal gefischt, das Buch, das zu lesen ich mir damals verboten hatte. Ich war auf der Suche nach Informationen über den Maulwurf. Und da lag es nun vor mir, das Geburtstagsgeschenk, ein »populäres Lexikon«, aufgeschlagen, direkt vor mir auf dem Schreibtisch: »Das bizarre Sexualleben der Tiere«. Und wie ich es damals insgeheim bereits befürchtet haben dürfte –, bevor ich den Artikel fand, den ich suchte, war ich bereits bei einem Eintrag hängengeblieben, der mit dem, was mich eigentlich interessierte, so gut wie nichts zu tun hatte. Vorderhand wenigstens. Stichwort »Damenwahl«.

Schon Charles Darwin, stand dort, habe auf die eminente Bedeutung hingewiesen, die dem Phänomen der »Damenwahl« oder der »female choice« im Prozess sexueller Selektion zukommt. Aber erst in jüngerer Zeit sei es der Verhaltensforschung gelungen, den Nachweis zu erbringen, dass es zuerst und vor allem die Weibchen sind, die darüber befinden, wessen Gene es wert sind, vererbt und fortgepflanzt zu werden. Aha, die alte Geschichte, dachte ich: »Halb zog sie ihn, halb sank er hin.« – Kriterium soll dabei die mehr oder weniger prächtige Erscheinung sein, die die ums Weibchen buhlenden Männchen während der Balz oder Brunst an den Tag legen. Als Paradebeispiel dient der Pfau. Ein Forscher vom University College in London, Geoffrey Miller, so das Lexikon weiter, zeige sich gar überzeugt, dass das Prinzip der Damenwahl keineswegs auf das Tierreich beschränkt ist, sondern gleichermassen für den Menschen gelte. Worauf sonst, so das Argument des Engländers, wenn nicht auf den Willen, dem weiblichen Geschlecht zu imponieren und einzelne seiner Mitglieder zu verführen, wären die »Kulturleistungen der Menschheit« sonst zurückzuführen? »Wenn Männer sich durch hervorragende Werke nach außen produzieren, tun sie im Prinzip nichts anderes als ein Pfau, der sein Rad schlägt: Sie wollen das andere Geschlecht beeindrucken. Weil Frauen kluge, einfallsreiche und erfinderische Liebhaber seit jeher bevorzugen, wurde die männliche Kreativität immer weiter angespornt. So entstanden – via Damenwahl – sensible Gedichte, schmeichelnde Melodien und grandiose Bauwerke.« Das, so der abschließende Kommentar des Autors Michael Miersch, sei doch mal »eine hübsche und romantische Erklärung für die kulturellen Höhenflüge der Menschheit«.

Hübsch? fragte ich mich. Romantisch? Ich konnte mich eines leisen Zweifels schwer nur erwehren. Wie kann man sich entblöden, eine derartige Erklärung für »hübsch«, ja »romantisch« auszugeben? Läuft sie nicht auf das gerade Gegenteil hinaus? Einem Romantiker jedenfalls dürfte es kaum je in den Sinn gekommen sein, das Schöne und was dazu gehört, Kunst und Kultur, als ein Mittel oder Instrument zu welchem Zweck auch immer zu begreifen. Von wegen Arterhaltung. Das Schöne im romantischen Sinne ist absolut – oder es ist gar nicht. Am Ende läuft die Erscheinung des Schönen eh auf die Vernichtung ihrer selbst hinaus, winkt denen, die sich an ihrer Entfesselung beteiligen, das Stigma der Unfruchtbarkeit. Auf der höchsten Stufe der Kultur, dort wo diese sich endlos verfeinert und vergeistigt, hat bisher stets noch die Décadence ihre wollüstig bizarren Zelte aufgeschlagen. Sollte man einer Verhaltensforschung, die ihren Namen verdient, eigentlich nicht ins Stammbuch schreiben müssen, oder?

Man klopfe die Geschichte von der »Damenwahl« nur einmal auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen hin ab –, wie furchtbar, wie hässlich, wie unromantisch. Gewiss, sie schmeichelt dem Zeitgeist, säuselt ihm was von der eminenten Bedeutung ins Ohr, über die das weibliche Geschlecht von jeher im kulturellen Prozess verfügt. Was aber ist der Preis, den die holde Weiblichkeit für das Kompliment zu entrichten hat? Es ist fürwahr zum Schreien. Stammtisch, eek hör Dir trapsen. Denn was ist das Weib in kulturevolutionärer Perspektive? Ein Stachel im Fleische nur, eine Art Inzitament, Doping fürs männliche Imponiergehabe, kaum mehr, bestenfalls die kritische Instanz, die darüber wacht, wem am Ende der Lorbeer übers Haupt gestülpt wird, wem nicht. Von Natur aus aber, so die unausgesprochene Prämisse Millers, ist das Weib unfähig, selbst auch nur den geringsten Beitrag zur Hervorbringung und Verfeinerung des Schönen zu leisten. Seine Erfindung und Entfesselung bleibt den Männchen vorbehalten. Nicht gerade schmeichelhaft fürs schöne Geschlecht, oder? Alles andere als hübsch. Romantisch höchstens im alten, abwertenden Sinne des Wortes, in dem einer überspannten oder überzogenen, nah am Pathologischen angesiedelten Geschichte.

Wie in der Verhaltensforschung nicht eben selten, beruht der Witz der Erklärung Millers auf einem Fehlschluss. Er tut etwas, was zu tun ihm als Wissenschaftler nicht erlaubt ist; er überträgt spezifische, im Tierreich gewonnene Beobachtungen und Erkenntnisse auf ein Terrain, das nicht unbedingt dazugehört, und, wie im Falle des Menschen und seiner Kultur nicht auszuschliessen ist, womöglich ganz anders gelagert ist als das, auf dem er seine Forschungen angestellt hat. Keineswegs zufällig, dass man bei Miller auf mehr als nur eine Ungereimtheit stößt. Sprünge und Risse zeigen sich in dem von ihm errichteten Theoriegebäude nicht erst, wenn man die Primaten einbezieht, insbesondere die Spezies, die dem Menschen genetisch am nächsten kommt, die Bonobos, bei denen sich, wie das Lexikon zu Miller kritisch anmerkt, die Weibchen geradezu »wahllos« mal mit diesem, mal mit jenem Männchen paaren. Es gibt vielmehr unterhalb von diesen und daneben Arten, bei denen von einer »Damenwahl« schlechterdings nicht die Rede sein kann. Man nehme nur den Maulwurf.

Bekanntlich erfreut der Maulwurf sich bei uns eines ausgesprochen guten Rufes. Er steht in Deutschland (und nur in Deutschland, so weit ich sehe) unter Naturschutz. Ungemein fleissig, wie es nun einmal von Natur aus ist, durchwühlt das kleine schwarze pelzige Tier tagaus tagein das Erdreich. Ohne Unterlass gräbt der Maulwurf sich blindlings mit seinen schaufelförmig rosa Pfoten durch den Boden und schafft sich auf diese Weise unterirdisch ein ausgeklügeltes Gängesystem; zu ihm gehört eine etwas tiefer gelegenen Nestkammer, die er mit weichen Blättern, mit Gräsern, Laub, Moos und anderem gemütlich einzurichten pflegt. Hätte der kleine emsige Tunnelbauer nicht die üble Angewohnheit, sich in Form von Hügeln des Erdreichs zu entledigen, das bei den Arbeiten im Untergrund anfällt und ihm im Wege steht, gäbe es hierzulande wohl kaum jemanden, der den Maulwurf nicht zum Knuddeln und Fressen gern hätte. Das Fell des schwarzen Kerlchens, hatte ich in einer unserer Sonntagszeitungen gelesen, soll »das Weichste« sein, »was ein Mensch unter seine Finger bekommen kann«. Geschorener Biber oder Nerz seien stumpf dagegen, Samt und Seide sowieso. Ein putziges und zartes Tierchen also, überraschend sauber zudem und reinlich. Und wie nützlich obendrein, wie praktisch für den Garten. Nicht nur dass der Maulwurf den Boden von Engerlingen, Insekten und anderem Ungeziefer befreit, selbst über Mäuse macht er sich her, so er denn eine erwischt. »Ihn zu vertreiben, wenn nicht gar in die ewigen Wühlgründe zu schicken, kommt daher nur Rasensklaven in den Sinn oder dem gemeinen Gartendespoten.« So ein Gartenfreund namens Bernd Fritz.

In Brehms Tierleben, dem Klassiker deutscher Verhaltensforschung, kommt der Maulwurf freilich lange nicht so gut weg. Zwar erkennt Alfred Brehm durchaus den Nutzen, den das Tier als Vertilger nicht zuletzt von Maikäferlarven bringt, allein er frisst eben auch jede Menge Regenwürmer, überhaupt sei sein Hunger, so der grosse deutsche Forscher, »unstillbar«: »Er bedarf täglich so viel Nahrung, als sein eigenes Körpergewicht beträgt, und hält es nicht über zwölf Stunden ohne Fraß aus.« In Relation zu seiner Grösse, so Brehm weiter, komme man nicht umhin, den Maulwurf als »ein wahrhaft furchtbares Raubtier« zu bezeichnen. »Er ist wild, außerordentlich wütend, blutdürstig, grausam und rachsüchtig und lebt eigentlich mit keinem einzigen Geschöpf im Frieden, außer mit seinem Weibchen, mit diesem aber auch bloß während der Paarungszeit und solange die Jungen klein sind. Während des übrigen Jahres duldet er kein anderes lebendes Wesen in seiner Nähe, am allerwenigsten einen Mitbewohner in seinem Bau, ganz gleichgültig, welcher Art dieser sein möge. Nicht einmal mit anderen seiner Art, seien sie nun von demselben Geschlecht wie er oder nicht, lebt er in Freundschaft. Zwei Maulwürfe, die sich außer der Paarungszeit treffen, beginnen augenblicklich einen Zweikampf miteinander, welcher in den meisten Fällen den Tod des einen, in sehr vielen anderen Fällen aber auch den Tod beider herbeiführt.«

Über das Sexualleben des kleinen »Wüterichs« erfährt man von Brehm wenig. Die Frage der Damenwahl lag, wie es scheint, für ihn noch außerhalb des Horizonts. Wie sich das Liebeswerben beim Maulwurf und der Geschlechtsakt näher gestaltet, auch darüber schweigt sich Brehm aus. Er belässt es bei Andeutungen, widmet sich dafür um so mehr dem Nestbau und der Aufzucht des Nachwuchses. Hervorgehoben wird einzig, dass der Maulwurf, sobald er ein Weibchen »mit Gewalt oder Güte« an sich gefesselt hat, um den Bau herum erneut »Röhren anlegt, welche den gewöhnlichen Jagdröhren ähneln, aber zu einem ganz anderen Zwecke bestimmt sind, nämlich um das Weibchen darin einzusperren«. Folgt man dem oben mehrfach bereits erwähnten Lexikon, dann gehen die Maulwurfsmännchen in ihrem Sicherheits- und Eifersuchtswahn sogar noch einen Schritt weiter. Während der Paarungszeit, heißt es in dem betreffenden Artikel, schwellen ihnen die Cowperschen Drüsen auf ein Zehntel des Körpergewichts an. »Dort produzieren sie ein klebriges Sekret, das sie nach der Beendigung des Geschlechtsakts in die Scheide des Weibchens füllen, wo es sich zu einer gummiartigen Masse verfestigt (→ Begattungspfropfen). So ist das Weibchen nicht nur vor Krankheitserregern geschützt, auch andere Männchen haben gegen den stabilen Verschluß keine Chance.« Schön und gut. Wie aber steht es um das Sexualleben des Maulwurfs selbst? Nach welchen Regeln (wenn es im Untergrund denn Regeln gibt) verläuft bei diesen alles andere als putzigen Kreaturen der Akt der Begattung?

Das Lexikon, von dem ich mir Aufschluss versprochen hatte, ließ mich gerade in dieser Frage schmählich in Stich. Auch im Netz fand sich, wenigstens auf die Schnelle, kein Eintrag, der mir weitergeholfen hätte. Kolportiert wird hier ein ums andere Mal die bereits erwähnte Geschichte mit dem Gattungspfropfen, hübsch verpackt unter der Formel vom Keuschheitsgürtel, mit dem das Maulwurfsweibchen nach dem Akt von ihrem »Liebhaber« versiegelt wird. Gut nur, dass das Internet nicht die einzige Quelle ist, über die ich verfüge.

Fündig wurde ich am Ende in der französischen Abteilung meiner Bibliothek. Literatur um 1900 / Décadence und Verwandtes. Remy de Gourmont war mir plötzlich eingefallen, als ich die Bestände auf Informationen über das Leben der Maulwürfe abklopfte. Gab es da nicht einen Essay von diesem bei uns so gut unbekannten Kopf, der sich dem sexuellen Instinkt widmet und unter anderem auch einen Abschnitt über das Geschlechtsverhalten des Maulwurf enthält? In der Tat, die kleine, aber feine, jedem Verhaltensforscher ans Herz zu legende Studie über die »Körperlichkeit der Liebe« (»Physique de l'amour«, 1903), lieferte mir, was ich gesucht hatte, eine ausführliche Beschreibung, wie es bei den Maulwürfen zugeht, wenn diese sich paaren. Es gebe, las ich bei dem des Chauvinismus und der Misogynie unverdächtigen Gourmont, gewiss kein Weibchen, das »so wie das Maulwurfsweibchen Grund [hat], vor dem Männchen zu zittern. Seine Vulva ist nach außenhin nicht geöffnet, sondern wie der ganze Körper mit einer sammetweichen Haut überzogen; so daß es also, um geschwängert werden zu können, eine wahrhaftige, chirurgische Operation durchzumachen hat. Man kennt das Leben dieser Tiere, die auf der Suche nach ihrer Nahrung lange unterirdische Gänge graben, deren weggeräumtes Erdreich hier und da die bekannten Maulwurfshügel bildet. Zur Brunstzeit nun vergißt der Maulwurf seine Jagd und macht sich auf die Suche nach einem Weibchen. Sobald er eines aufgespürt hat, gräbt er nach ihm hin einen Gang und wühlt sich mit Feuereifer durch das gastliche Erdreich. Sobald es sich verfolgt weiß, ergreift das Weibchen die Flucht. Sein hereditärer Instinkt macht es zittern vor dem grausamen Instrument, das ihm den Bauch aufschlitzen wird, vor diesem fürchterlichen spitzigen Penis, der seine Mutter und alle seine Ahnen durchbohrt hat. Es flieht, es gräbt in dem Maße, als das Männchen zu ihm vordringt, verschlungene Gänge, in der Hoffnung, daß dadurch sein Verfolger vielleicht seinen Weg verlieren könnte; aber auch das Männchen wird von seinem ererbten Instinkt geleitet: der Maulwurf verfolgt das Weibchen nicht, sondern er umzingelt es, er kreist es ein, treibt es in eine Sackgasse, und während es noch sein blindes Rüsselchen in die Erde wühlt, reißt er es an sich, schlitzt es auf und schwängert es.«

In der Nacht darauf – am Abend hatte ich Gourmonts Beschreibung noch ein zweites Mal gelesen und mich des Kontexts versichert, in dem die Passage steht (Stichwort Scham) –, in der folgenden Nacht also träumte mir, ich hätte mich heillos in den Strassen Londons verirrt, die Sonne wäre vor Stunden bereits untergegangen und Nebel zöge in dichten Schwaden um die Häuser. Kein Mensch war zu sehen, nur in der Ferne meinte ich, ab und an einen Schatten zu sehen, der allerdings genau so schnell wieder im Nebel verschwand wie er aus ihm aufgetaucht war. Eine Litfaßsäule schlug mich unversehens in ihren Bann; sie war über und über mit ein- und demselben Anschlag beklebt. Scotland Yard bat auf ihm dringend um Mithilfe bei der Suche nach einem Unbekannten, der der mehrfachen Vergewaltigung und des Mordes verdächtig werde. Überflüssig anzumerken, wer oder was auf dem Fahndungsfoto abgebildet war.

 

 

Literatur:

Brehms Tierleben. Volksausgabe in einem Band, neu bearbeitet von Wilhelm Bardorff, Berlin 1956.

Bernd Fritz: Weicher Wühler, in: FAS, 3. April 2011, Nr. 13, S. 55.

Michael Miersch: Das bizarre Sexualleben der Tiere. Ein populäres Lexikon von Aal bis Zebra, Frankfurt am Main 1999.

Remy de Gourmont: Die Physik der Liebe. Ein Essay über den sexuellen Instinkt, Berlin o.J.

tado ink | 20.04.2011 | Stichijows Papiere
comments powered by Disqus