Über den Abbé Galiani

Melchior Grimm

Dieses winzige, am Fuße des Vesuvs geborene Individuum ist wirklich ein Phänomen. Hinter dem strahlenden, durchdringenden Glanz seiner Erscheinung ruht eine breite und solide Gelehrsamkeit; und mit den Einsichten eines Mannes von Genie verbindet sich bei ihm die Lebhaftigkeit und der Charme dessen, der zu amüsieren und zu gefallen versteht. Ein Platon mit dem Verve und den Gesten eines Harlekin: er ist der einzige Mensch, den ich je kennengelernt habe, der diffus ist und dabei doch stets ein angenehmer Begleiter bleibt.

Wie schade wäre es, wenn ein derartiger Fundus von seltenen, fruchtbaren, originellen Ideen nur ein paar Philosophen vorbehalten bliebe, oder sich in den Unterhaltungen eines frivolen Kreises in Luft auflöste: wenn unser kleiner Neapolitaner so indolent bliebe – oder so weise – , der Bekanntheit die Stille, die Ruhe dem Ruhm vorzuziehen! Ungeachtet der freundschaftlichen Gefühle für ihn, man müsste in der Tat schon tugendhaft sein, um nicht zu wünschen, er möge auf die Indolenz pfeifen und seinem Genius freien Lauf lassen; auf dass er zum öffentlichen Wohl Werke produziert – auch auf die Gefahr hin, Bekanntschaft mit der Feindseligkeit und den Verfolgungen zu schließen, die all jene erlitten haben, die es wagten, ihr Jahrhundert aufzuklären. Welcher Eitelkeit man mich auch für schuldig befindet, diese hat eine einzige Quelle: das Wissen, dass meine Ideen mit denen zweier Männer übereinstimmen, die selten zu finden sind und die das Glück, kennengelernt zu haben, ich hatte – Galiani selbst und Denis Diderot.

[Correspondance littéraire, 1. Dezember 1764]

tado ink | 09.12.2013 | Stichijows Papiere
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