Einiges zur Wetterlage

9. März 1935

Die See liegt glatt auf, regungslos wie ein Leichentuch. Seit Tagen kommt der Wind aus dem Osten, die Luft ist klar wie Kristall, durch die hindurch sich das Licht wie bei einem Prisma bricht. Es herrscht eine gelöste, geradezu heitere Atmosphäre an Bord, als läge die Mission bereits hinter uns, um derentwillen wir mit der Mortobello aufgebrochen sind. Allein man darf sich durch das heitere, den Frühling in Aussicht stellende Wetter nicht täuschen lassen. Ich kenne diese Art vom Ostwind über dem Atlantik stabilisierte Hochdruck-Wetterlage; sie ist tückisch, hinterlistig und um einiges grausamer als alles, was der Westwind bringt.

Ich habe meine Lektion gelernt, kann sie nahezu auswendig: »Das Ostwetter«, so steht ’s im Mirror of the Sea, »ist so falsch und trügerisch, dass es sogar wissenschaftliche Instrumente äfft. Kein Barometer wird einen noch so regnerischen Oststurm ankündigen. Es wäre ungerecht und undankbar zu behaupten, das Barometer sei doch ein lächerlicher Apparat. Keineswegs. Es ist einfach so, dass die grundanständige Ehrlichkeit des Barometers den Schlichen des Ostwindes einfach nicht gewachsen ist. Auch wenn man nach jahrelangen Beobachtungen und Erfahrungen zu dem Schluss gekommen ist, das Barometer als das zuverlässigste Instrument zu betrachten, das je, ans Kajütenschott eines Schiffes geschraubt, zur See gefahren ist, so wird es dennoch durch die teuflische Findigkeit des Ostwetters todsicher gerade in dem Augenblick zum Steigen gebracht, wenn der Ostwind seine harte, trockene, gefühllose Grausamkeit aufgibt und sich anschickt, allen Mut, der den Menschen noch geblieben ist, in Strömen besonders kalten und scheußlichen Regens zu ertränken. Die Hagel- und Schlossenböen, die dem Blitz am Ende eines Südweststurms folgen, sind kalt und betäubend und scharf und grausam genug. Allein wenn das vermeintlich unaufhörlich trockene Ostwetter in Nässe umschlägt, scheint es, als ob es Güsse regnet, die vergiftet sind. Dieses stetige, gleichbleibende, überwältigende, endlos dahintreibende Niederströmen macht das Gemüt krank und trüben Ahnungen zugänglich. Die Sturmstimmung des Ostwetters zieht schwarz am Horizont auf: eine seltsame, beängstigende Schwärze. Der Westwind hängt schwergraue Vorhänge aus Nebel und Sprühregen um das Schiff, aber wenn der Eindringling aus dem Osten seinen Mut und seine Grausamkeit für einen Sturm aufgespart hat, dann nimmt er einem das Augenlicht, nimmt es einem derart vollständig, dass man wähnt, fürs ganze Leben blind zu sein. Er ist auch der Wind, der den Schnee bringt.«

Wollen nicht hoffen, dass es wieder Schnee und Eis gibt. Die Nachrichten, die seit einiger Zeit von zu Hause kommen, sind schlimm genug. Es heißt, die Partei der Wohlgesinnten und Rechtschaffenen habe auf dem Festland endgültig die Oberhand gewonnen und sei entschlossen, nicht den geringsten Verstoß wider Anstand und Sitte länger zu dulden. Kein gutes Zeichen, fürwahr kein gutes Zeichen, wenn ich an den Auftrag denke, mit dem wir unterwegs sind. Eben las ich, ein alter Freund von mir, Don Alvaro de Jerez, sei mit sofortiger Wirkung und auf weiteres seines Amtes als Master of the Sea enthoben worden. Es heißt, der Andalusier habe sich im angetrunkenen Zustand öffentlich unflätig geäußert und in einer Weise aufgeführt, die seiner Stellung und seinem Rang unwürdig sei. Und es scheint niemanden gegeben zu haben, der sich für ihn in die Bresche warf oder ein gutes Wort für ihn einlegte. Nein. Eine Schande sei dieser Don Alvaro, tönte es unverzüglich, und das aus höchsten Kreisen, eine Schande für alle, die in der Branche tätig sind, mit Fleiß, Ausdauer und Disziplin ihren Dienst verrichten. Er habe den gesamten Berufsstand in Verruf gebracht. Hinweg mit ihm!

 

Einiges zur Wetterlage

Howard Pyle: Walking the Plank | 1887

 

Dabei habe ich ihn wiederholt gewarnt. Don Alvaro, so meine Rede, wenn wir bei einem Glas zusammensaßen und er den Mund mal wieder zu voll genommen hatte, Don Alvaro, vergiss eines nicht: Der Alkohol ist ein schweres Nervengift. Du merkst kaum, wie er dich aufreibt, und lange bevor er dich aufgerieben, dir die Nerven zerrüttet hat, hat er dir das geraubt, was doch für einen Mann deines Schlages das wichtigste sein dürfte, die Ehre, den Schneid. Ach was, quatsch nicht, siehst du nicht das die Gläser leer sind. Und dann lächelte er, verschmitzt und ein wenig blöde, wie er eben lächelt, der Andalusier. Nun ist es zu spät. Ich kann mir die Situation, in die er hineingeraten ist, lebhaft vorstellen: Sitzt da, allein in seinem Lieblingscafé, auf Landgang, nachdem er Monate über Monate auf See war, kippt sich einen, will einfach Ruhe haben, alles vergessen, den Brand welchen Fusels auch immer spüren, in der Kehle, im Kopf und in der Seele, er findet aber keine Ruhe, kein Vergessen, man lässt ihn nicht in Ruhe, quatscht ihn vielmehr dumm von der Seite an, meint, nur weil er übers Viertel hinaus bekannt ist, ihn von der Seite anquatschen zu dürfen, tut so, als ob man sich von jeher kennte, immer schon auf vertrautem Fuß miteinander stünde –, Landratten, Städtebewohner, die ihm was vom Leben erzählen, ihm, der bereits überall war, wo man gewesen sein kann, wollen ihm, Don Alvaro, erzählen, wie es zugeht in der Welt und was es mit dem Leben so auf sich hat; als ob einem Don Alvaro de Jerez das interessierte, das Gequatsche, die Rederei, der Tratsch, angezettelt nur aus einem Grund, um ein wenig Aufmerksamkeit zu erlangen, um sich, und sei es auch nur für einen Moment, im Dunstkreis eines Mannes zu aalen, dem sie nicht das Wasser reichen können. Ich kenne Don Alvaro. Wenn es etwas gibt, was er nicht abkann, partout nicht ertragen kann, dann dumm von der Seite angesprochen zu werden. Von wem auch immer. Jetzt hat es ihn erwischt. Sie haben ihn angezeigt. Rassismus, Volksverhetzung, was auch immer. Sind unverzüglich auf die Polizeiwache gestürmt, haben die Journaille informiert, das Ministerium, Zeugen beigebracht, Dokumente, das ganze Programm. Ein Fressen für alle. Es lebe die Denunziation, die Eitelkeit und die Selbstgerechtigkeit. – Wir halten Kurs. Nord-Nord-West.

tado ink | 07.03.2011 | Logbuch
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