Über die Unverbesserlichkeit der Weiber

Ansichten eines Bullenbeißers

Vorsicht! Der nachfolgende Auszug aus den Fantasiestücken des E.T.A. Hoffmann ist nicht jedermanns Sache. Empfindsamen Gemütern wird dringend geraten, die für das weibliche Geschlecht nicht eben schmeichelhaften Ausführungen des Hundes Berganza kurzerhand zu ignorieren. Die Seele könnte ansonsten Schaden nehmen. Nur was für Hartgesottene also, für Leser, die über gewisse Erfahrungen verfügen und sich ihr Wissen und ihre Überzeugungen nicht bis ins Mark durch den Zeitgeist haben diktieren lassen. Für alle anderen gilt: jegliche Haftung ausgeschlossen.

Ich: Wie, Berganza, Du glaubst auch an die Unverbesserlichkeit der Weiber?

Berganza: Mit ganzer Seele! – Alle verschrobenen, überbildeten oder geistig erstarrten Weiber gehören, wenigstens nach dem fünfundzwanzigsten Jahr, unerbittlich ins ospitale degli incurabili, es ist mit ihnen nichts mehr zu machen. Die Blütezeit der Frauenzimmer ist zugleich ihr eigentliches Leben, in dem sie sich mit nie erschlaffender Kraft doppelt aufgeregt fühlen, alle seine Erscheinungen begierig im Gemüte aufzufassen. – Wie mit glühendem Purpur umsäumt die Jugend alle Gestalten, daß sie wie verklärt dem freudetrunknen Auge erglänzen, und ein ewiger bunter Frühling schmückt selbst die Dornenhecken mit süß duftenden Blumen. Nicht besondere Schönheit, nicht ein ungewöhnlicher Verstand, nein! – nur jene Blütezeit, nur irgend etwas, sei es im Äußern oder im Ton der Stimme oder sonst, das nur eine flüchtige Aufmerksamkeit erregen kann, reicht hin, dem Mädchen überall die Verehrung selbst geistreicher Männer zu verschaffen, so daß sie unter älteren ihres Geschlechts wie im Triumphe als die Königin des Festes auftritt. Aber nach dem unglücklichen Wendepunkte verschwinden die schimmernden Farben, und mit einer gewissen Kälte, die in jedem Genuß das Geistig-Schmackhafte tötet, verliert sich auch jene Regsamkeit des Geistes. Keine Frau wird imstande sein, die Tendenzen zu ändern, welche sie in jener goldnen Zeit hatte, die ihr allein das Leben scheint, und war sie damals in Irrtümern des Verstandes oder des Geschmacks befangen, so nimmt sie dieselben ins Grab, verlangte auch der Ton, die Mode der Zeit, sie mühsam zu verleugnen.

Ich: Es ist gut, Berganza, daß Dir nicht Frauenzimmer, die über den Wendepunkt hinaus sind, zuhören, Du würdest sonst übles Spiel haben.

Berganza: Glaube das nicht, mein Freund! – Im Grunde fühlen die Frauenzimmer es selbst, wie in jener Blütezeit sich ihr ganzes Leben konzentriert, denn nur daraus läßt sich die ihnen mit Recht vorgeworfene Torheit erklären, ihr Alter zu verleugnen. Über den Wendepunkt hinaus will keine; sie sträuben und sperren sich; sie kämpfen hartnäckig um das kleinste Plätzchen hinter dem Schlagbaume, der, sind sie hindurch, ihnen das Land voll Wonne und Heiterkeit auf immer verschließt. Drängen nun die jugendlichen Gestalten immer mehr und mehr, und jede in die schönsten Blüten des Frühlings geputzt, frägt: „was will die Ungeschmückte, Traurige unter uns?" dann müssen sie fliehen voller Scham und retten sich in den kleinen Garten, von dem sie wenigstens in den glänzenden Frühling hinüberschauen können und an dessen Ausgang die Zahl Dreißig steht, vor der sie sich fürchten wie vor dem Engel mit dem flammenden Schwert.

 

Über die Unverbesserlichkeit der Weiber

Wer hat Angst vor Elizabeth Taylor? | 2011

 

Ich: Das ist sehr pittoresk, aber auch mehr pittoresk als wahr! Denn habe ich nicht selbst ältere Weiber gekannt, deren Liebenswürdigkeit den Mangel an Jugend ganz vergessen ließ?

Berganza: Das ist nicht allein möglich, sondern ich will Dir sogar zugestehen, daß der Fall nicht zu selten eintreffen kann, mein Satz bleibt indessen doch unwiderruflich fest stehen. – Eine verständige Frau, die in früher Jugend gut erzogen, frei von Irrtümern, aus der Blütezeit eine wohltuende Ausbildung des Geistes hinübergebracht hat, wird Dir allemal eine angenehme Unterhaltung gewähren, sobald du dir's gefallen lassen willst, in der Mitte zu schweben und jeden höheren Forderungen zu entsagen; ist sie geistreich, so wird sie nicht arm an witzigen Einfällen und Wendungen sein; statt aber das Rein-Komische rein gemütlich zu betrachten, sind diese dann mehr in falschen Farben glänzende Ausbrüche eines innern Unmutes, die dich nur eine kleine Zeit hindurch täuschen und belustigen können; ist sie schön, so wird sie nicht unterlassen auch kokett zu sein, und Dein Interesse an ihr wird in einen eben nicht löblichen Faunismus (um nicht ein anderes verächtliches Wort zu brauchen) ausarten, den ein in der Blütezeit stehendes Mädchen bei keinem Manne erregt, der nicht im höchsten Grade verderbt ist!

Ich: Goldene Worte! – Goldene Worte! Aber das gänzliche Stehenbleiben – das Beharren in früheren Irrtümern nach dem bezeichneten Wendepunkt – es ist doch hart, Berganza!

Berganza: Aber wahr! [...]

 

E.T.A. Hoffmann: Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, in: ders.: Fantasiestücke in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten (1814), Berlin 1982, S. 139ff.

tado ink | 28.05.2011 | Stichijows Papiere
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