Über Hunde, den Hund

Aus Brehms Tierleben

»Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt«. So steht [es] im Vendidad, dem ältesten und echtesten Teile des Zend-Avesta, einem der ältesten Bücher der Menschheit. – »Der Hund«, sagt Friedrich Cuvier, »ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, die der Mensch jemals gemacht hat. Die ganze Art ist unser Eigentum geworden; jedes Einzelwesen derselben gehört dem Menschen, seinem Herrn, gänzlich an, richtet sich nach seinen Gebräuchen, kennt und verteidigt dessen Eigentum und bleibt ihm ergeben bis zum Tode. Und alles dieses entspringt weder aus Not noch aus Furcht, sondern aus reiner Liebe und Anhänglichkeit. Die Schnelligkeit, die Stärke des Geruchs haben für den Menschen aus ihm einen mächtigen Gehilfen gemacht, und vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestande der Gesellschaft des Menschenvereins. Der Hund ist das einzige Tier, das dem Menschen über den ganzen Erdboden gefolgt ist.«

Der Hund ist wohl würdig, daß ich ihn ausführlich behandle, und trotz seiner scheinbaren Allbekanntschaft hier sehr mit Lust und Liebe seiner gedenke. Jedermann glaubt ihn zu kennen, gründlich und hinlänglich zu kennen, und nur der Naturforscher gesteht zu, daß er, trotz aller Nachforschungen und Vergleichungen, eigentlich noch äußerst wenig und kaum irgend etwas Sicheres über den Hund weiß.

Der Hund ist nach seinem Gerippe, nach Schädel und nach Gebiß ein Wolf; doch ist es weder nach Schädel noch nach Gebiß möglich, ihn mit irgendeiner wild vorkommenden Wolfsart zu verewigen, noch von den bekannten Wolfsarten scharf zu trennen. Unsere europäischen Hunde schwanken in ihren Schädeleigentümlichkeiten zwischen denen des Wolfes und des Schakals, doch so, daß sich die Eigentümlichkeiten mannigfaltigst kreuzen, verbinden und abändern. Doch wenn auch der Schädel Ähnlichkeit mit dem des Wolfes und Schakals hat, sogar entfernt an den des Fuchses erinnert, hält er doch immer etwas Eigentümliches fest. Die Stirn tritt in der Regel etwas stärker über dem Scheitel und dem Nasenrücken hervor als beim Wolf und Schakal; doch darin zeigen sich erst recht gegensätzliche Abweichungen bei den verschiedenen Hunderassen. Es versteht sich, daß in diesen Eigentümlichkeiten nur Schädel von ungefähr gleichem Alter miteinander erfolgreich verglichen werden können. Es ist bekannt, daß vom Hund und Wolf Bastarde in jeder Art der Kreuzung nachgewiesen sind. Bastarde zwischen Hund und Schakal sind nach Naturbeobachtungen keine Seltenheit.

In Europa wurde der Hund lange vor der Zeit irgendwelcher geschichtlichen Urkunde gefangengehalten. Der älteste uns bekannt gewordene stammt aus der Pfahlbauzeit, und Rütimeyer hat ihn wegen seiner Ähnlichkeit mit unserem heutigen Spitz, und weil er bei Ausgrabungen in den Torfschichten der Pfahlbauzeit gefunden wurde, als Torfspitz bezeichnet. Allem Anscheine nach gehörte er in die Schakalverwandtschaft. Endgültiges und Bündiges über die Abstammung unseres Haushundes läßt sich bis heute noch nicht sagen. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Ansicht vieler Forscher für sich, daß er dem Wolf und dem Schakal der Eiszeit entstammt, die zu dieser Periode noch über ganz Europa verbreitet waren.

Nicht nur im Körperbau zeigt der Hund von heute Ähnlichkeiten mit seinen vorgeschichtlichen Stammeltern, sondern auch in seinen Lebensgewohnheiten. Schakal und Wolf leben meist gesellig in Rudeln oder in Meuten. Das gesellige Leben in der Meute bedingt eine Anhänglichkeit an die übrigen Genossen der Meute, die der gezähmte Hund auf seinen Herrn überträgt und ihm zum zum Begleiter wird. Die Jagdsitte der Meute, das Hetzen und Verbellen eines Wildes, zeigt sich noch in der Angewohnheit des Hundes, alles, was läuft, sei es ein Mensch, ein Wagen usw., bellend zu verfolgen. Das Erkennen der Beutegenossen erfolgt durch gegenseitiges Beschnuppern, was der Hund ja ebenfalls noch treulich bewahrt hat. Zur Verwischung der weithin auffälligen Spur der Meute muß der Kot sorgfältig verscharrt werden. Der Hund hat diese Gepflogenheit heute noch, freilich kann von einer Sorgfalt dabei keine Rede mehr sein; höchstens die Ausdauer kann man noch bewundern, mit der mancher auf dem harten Asphaltpflaster der Stadt scharrt, rein reflexmäßig, ohne die geringste Aussicht auf Erfolg. Genau wie der Schakal haben heute noch manche Hunde die Angewohnheit, einen Knochen im Garten zu verscharren, um ihn gesichert aufzubewahren, und wer würde nicht an den heulenden Schakal erinnert, wenn er das jämmerliche Konzert eines nächtlichen Hofwächters hört, der den Mond begrüßt oder die Musik aus dem Nachbarhause begleitet?

Die Hunde sind ebensowohl Tag- als Nachttiere und für beide Zeiten gleich günstig ausgerüstet, auch ebensowohl bei Tage wie bei Nacht munter und lebendig. Sie jagen, wenn sie es dürfen, bei hellem Tage wie bei Nacht und vereinigen sich dazu gern in größeren Gesellschaften. Geselligkeit ist überhaupt ein Grundzug ihres Wesens und hat auf ihre Sitten den entschiedensten Einfluß. Sie fressen alles, was der Mensch ißt, tierische Nahrung ebensowohl wie pflanzliche, und beide im rohen Zustande nicht minder gern als zubereitet. Vor allem aber lieben sie Fleisch, und zwar etwas fauliges mehr noch als das frische. Wenn sie es haben können, verzehren sie Aas mit wahrer Leidenschaft, und selbst die wohlerzogensten und bestgehaltenen Hunde verschlingen gierig die Auswurfstoffe des menschlichen Leibes. Einzelne Arten ziehen Fleisch aller übrigen Nahrung vor, andere achten es weniger hoch. Von gekochten Speisen sind ihnen mehlige, besonders süße, die willkommensten, und auch wenn sie Früchte fressen, ziehen sie zuckerhaltige den säuerlichen vor. Knochen, gute Fleischbrühe, Brot, Gemüse und Milch sind die eigensten Nahrungsstoffe eines Hundes, Fett und zuviel Salz dagegen ihm schädlich. Auch mit Brot allein kann man ihn füttern und gesund erhalten, wenn man ihm nur immer seine Nahrung zu bestimmten Zeiten reicht. Keine Speise darf ihm heiß gegeben werden; sie muß immer lau sein und ihm nur aus Geschirren gereicht werden, die man beständig rein hält. Wenn ein alter Hund sich täglich einmal recht satt fressen kann, hat er vollkommen genug Nahrung erhalten; besser jedoch ist es, wenn man ihn zweimal füttert: gibt man ihm abends soviel, daß er genügend gesättigt ist, so hütet er eifriger und sicherer den ihm anvertrauten Posten als ein hungriger, der leicht bestochen werden kann. Wasser trinken die Hunde viel und oft, und zwar es mit der Zunge schöpfend, indem sie dieselbe löffelförmig krümmen und die Spitze etwas nach vorn biegen; Wasser ist auch zur Erhaltung ihrer Gesundheit unbedingt notwendig.

In gewissen Gegenden haben die Hunde ihre eigene Nahrung. So fressen sie, wie bemerkt, auf Kamtschatka und auch im größten Teile Norwegens bloß Fische, hingegen gewöhnen sie sich da, wo viel Trauben gezogen werden, leicht an solche Kost und tun dann großen Schaden.

Wenn die Hunde überflüssige Nahrung besitzen, verscharren sie dieselbe, indem sie ein Loch in den Boden graben und dieses mit Erde zudecken. Bei Gelegenheit kehren sie zurück und graben sich den verborgenen Schatz wieder aus; aber es kommt auch vor, daß sie derartige Orte vergessen. Um Knochensplitter aus dem Magen zu entfernen, fressen sie Gras, namentlich solches von Quecken; als Abführmittel gebrauchen sie Stachelkräuter.

Der Hund kann vortrefflich laufen und schwimmen, ja auch bis zu einem gewissen Grade klettern, aber nicht leicht, ohne Schwindel zu bekommen, an steilen Abgründen hingehen. Sein Gang geschieht in einer eigentümlichen schiefen Richtung. Bei eiligem Laufe ist er imstande, große Sprünge zu machen, nicht aber auch fähig, jähe Wendungen, Kreuz- und Querbewegungen auszuführen. Das Schwimmen verstehen alle Hunde von Hause aus, einige Arten jedoch weit besser als andere. Einige lieben das Wasser außerordentlich; verwöhnte Hunde scheuen es in hohem Grade. Das Klettern habe ich von den Hunden hauptsächlich in Afrika beobachtet. Hier erklimmen sie mit großer Gewandtheit Mauern oder die wenig geneigten Hausdächer und laufen wie Katzen mit unfehlbarer Sicherheit auf den schmalen Absätzen hin. In der Ruhe sitzt der Hund entweder auf den Hinterbeinen oder legt sich auf die Seite oder den Bauch, indem er die Hinterfüße auswärts, die Vorderfüße vorwärts und zwischen dieselben seinen Kopf legt; selten streckt er die Hinterbeine dabei auch nach rückwärts aus. Große, schwere Hunde legen sich im Sommer gern in den Schatten und zuweilen auf den Rücken. Bei Kühle ziehen sie die Füße an sich und stecken die Schnauze zwischen die Hinterbeine. Die Wärme lieben alle, ebenso eine weiche Unterlage; dagegen vertragen nur wenige eine Decke, die sie birgt, und die Nase mindestens muß stets unter einer solchen hervorschauen. Ehe sich der Hund niederlegt, geht er einige Male im Kreise umher und scharrt sein Lager auf, oder versucht dies wenigstens zu tun. Das Scharren macht ihm Vergnügen; er kratzt oft mit Vorder- oder Hinterbeinen gleichsam zu seiner Unterhaltung.

Alle Hunde schlafen gern und viel, aber in Absätzen, und ihr Schlaf ist sehr leise und unruhig, häufig auch von Träumen begleitet, die sie durch Wedeln mit dem Schwanze, durch Zuckungen, Knurren und leises Bellen kundgeben. Reinlichkeit lieben sie über alles: der Ort, wo sie gehalten werden und namentlich, wo sie schlafen sollen, muß sauber sein. Ihren Unrat setzen sie gern auf kahlen Plätzen, besonders auf Steinen ab und decken ihn zuweilen mit Mist oder Erde zu, die sie mit den Hinterfüßen nach rückwärts werfen. Selten gehen die männlichen Hunde an einem Haufen, Steine, Pfähle oder Sträucher vorüber, ohne sich hierbei ihres Harns zu entledigen, und zwar tun sie dies, nach Linnéscher Angabe, wenn sie über neun Monate alt geworden sind. Dagegen schwitzen sie selbst beim stärksten und anhaltendsten Laufe wenig am Körper; ihr Schweiß sondert sich auf der Zunge ab, die sie, wenn sie erhitzt sind, keuchend aus dem Munde strecken.

Die Sinne des Hundes sind scharf, aber bei den verschiedenen Arten nicht gleichmäßig ausgebildet. Geruch, Gehör und Gesicht scheinen obenan zu stehen, und zwar zeichnen sich die einen durch feineres Gehör, die anderen durch besseren Geruch vor den übrigen aus. Auch der Geschmack ist ihnen nicht abzusprechen, obwohl derselbe in eigentümlicher Weise sich äußert. Alle Reizungen, die ihre Sinneswerkzeuge zu sehr anregen, sind ihnen verhaßt. Am wenigsten empfänglich zeigen sie sich gegen das Licht, sehr empfindlich aber gegen laute und gellende Töne oder scharfe Gerüche. Glockengeläute und Musik bewegt sie zum Heulen; Kölnisches Wasser, Salmiakgeist, Äther und dergleichen ruft wahres Entsetzen bei ihnen hervor, wenn man solche Dinge ihnen unter die Nase hält.

Über das geistige Wesen der Hunde lassen sich Bücher schreiben; es dürfte also sehr schwer sein, dasselbe mit kurzen Worten zu schildern. Die mir am meisten zusagende Beschreibung der Hundeseele hat Scheitlin gegeben. »So groß die leibliche Verschiedenheit der Hunde ist«, sagt er, »die geistige ist noch viel größer; denn die einen Hundearten sind völlig ungelehrig, die anderen lernen alles mögliche augenblicklich. Die einen kann man nicht, die anderen schnell ganz zähmen, und was die einen hassen, das lieben andere. Der Pudel geht von selbst ins Wasser, der Spitz will immer zu Hause bleiben. Die Dogge läßt sich auf den Mann, der Pudel nicht hierzu abrichten. Nur der Jagdhund hat eine solch feine Spürnase; nur der Bärenhund beißt den Bären zwischen die Hinterbeine; nur der lange Dachshund, dem in der Mitte ein Paar Beine zu mangeln scheinen, ist so niedrig gebaut und so krummbeinig, um in Dachslöcher hineinkriechen zu können, und tut dies mit derselben Wollust, mit der der Fleischerhund in Bogen läuft und hinter den Kälbern und Rindern herhetzt.«

Der Hund von Neufundland ist es, der den Wolf nicht fürchtet, daher vortrefflich zur Herdenbewachung dient und meisterhaft gräbt, schwimmt, taucht und Menschen herausholt.

Auch der Fleischerhund mißt sich mit dem Wolfe, ist ein guter Herdenwächter, jagt auf wilde Schweine und jedes andere große Tier, ist verständig und dem Herrn treu zugetan, geht aber nicht ins Wasser, wenn er nicht muß. Man benutzt und mißbraucht ihn zur Hetze, wodurch er ganz nach psychologischer Ordnung immer schärfer und besonders gegen Kälber, die, weil sie nicht ausschlagen, von ihm nicht gefürchtet werden, eine wahre Bestie wird. Sein Blutdurst ist äußerst widrig, und seine Wut, zu beißen, Blut zu trinken, Tierüberreste herumzuzerren und zu fressen, gehört zu seinen schlechtesten Eigenschaften.

Dem Windhunde wird beinahe aller Verstand, Erziehungsfähigkeit und Treue an seinem Herrn ab-, dafür kindische Neigung, von Unbekannten sich schmeicheln zu lassen, zugesprochen; doch kann man ihn zur Jagd auf Hasen usw. abrichten. Die Wachtelhunde deuten mit ihrem Namen auf das, wozu sie von Natur taugen. Denn der Hund und jedes andere Tier muß durch irgend etwas von sich aus kundtun, wozu es Lust hat, ehe man es abrichten will. Zum bloßen Vergnügen, sich im Arme tragen zu lassen, mit der Dame auf dem Sofa zu schlafen, am warmen Busen zu liegen, Ungünstlinge anzuknurren, in der Stube zu bleiben, mit der Dame aus einem Glase zu trinken, von einem Teller zu speisen und sich küssen zu lassen, dazu wird das Bologneser- und Löwenhündchen gehalten. Am Jagdhunde wird ein scharfer Geruch und viel Verstand und die größte Gelehrigkeit nebst treuer Anhänglichkeit an seinen Herrn gelobt. Ebenso verständig und ein guter Wächter ist der Haus- oder der Hirtenhund. Der Spitz oder Pommer soll klüger, gelehriger, lebhafter und geschickter Art sein und gern beißen, als Haushund wachsam und in einzelnen Abarten tückisch und falsch sein. Dem Menschen ergeben, aber ohne seinen Herrn zu kennen, Schläge nicht fürchtend, unersättlich und doch mit Geschicklichkeit lange zu hungern fähig, gehört zur Kennzeichnung des Nordhundes Der Doggen Art ist Treue bei wenig Verstand; sie sind gute Wächter, wilde, mutige Gegner auf wilde Schweine, Löwen, Tiger und Panther: sie achten auch ihr eigenes Leben fast für nichts, merken auf jeden Wink des Auges und der Hand, wie vielmehr auf das Wort ihres Herrn, lassen sich auf den Mann abrichten, nehmen es mit drei, vier Mann auf, berücksichtigen Schüsse, Stiche und zerrissene Glieder nicht und balgen sich mit ihresgleichen greulich herum. Sie sind sehr stark, reißen den stärksten Menschen zu Boden, erdrosseln ihn, bannen ihn, auf ihm herumspringend, auf eine Stelle, bis er erlöst wird, und halten rasende Wildschweine am Ohre unbeweglich fest. Leitsam sind sie im höchsten Grade. Sie haben ein wenig mehr Verstand, als man meint. Am tiefsten unter den Hunden steht unleugbar der Mops. Er ist durch geistige Versinkung entstanden und kann sich begreiflich durch sich selbst nicht heben. Er erfaßt den Menschen nicht und der Mensch ihn nicht.

Nicht ein einziger Hund ist dem andern weder körperlich noch geistig gleich. Jeder hat eigene Arten und Unarten. Oft sind sie die ärgsten Gegensätze, so daß die Hundebesitzer an ihren Hunden einen unersetzlichen Stoff zu gesellschaftlichen Gesprächen haben. Jeder hat einen noch gescheiteren! Doch erzählt etwa einer von seinem Hunde hundsdumme Streiche, dann ist jeder Hund ein großer Stoff zu einer Charakteristik, und wenn er ein merkwürdiges Schicksal erlebt, zu einer Lebensbeschreibung. Selbst in seinem Sterben kommen Eigenheiten vor.

Nur wer kein Auge hat, sieht die ihm ursprünglichen und entstandenen Eigenschaften nicht. Und welche Verschiedenheit einer und derselben Hundeart! Jeder Pudel z. B. hat Eigenschaften, Sonderbarkeiten, Unerklärbarkeiten; er ist schon viel ohne Anleitung. Er lehrt sich selbst, ahmt dem Menschen nach, drängt sich zum Lernen, liebt das Spiel, hat Launen, setzt sich etwas in den Kopf, will nichts lernen, tut dumm, empfindet Langeweile, will tätig sein, ist neugierig usw. Einige können nicht hassen, andere nicht lieben; ewige können verzeihen, andere nie. Sie können einander in Gefahren und zu Verrichtungen beistehen, zu Hilfe eilen, Mitleid fühlen, lachen, und weinen oder Tränen vergießen, zur Freude jauchzen, aus Liebe zum verlorenen Herrn trauern, verhungern, alle Wunden für ihn verachten, den Menschen ihresgleichen weit vorziehen, und alle Begierden vor den Augen ihres Herrn in dem Zügel halten oder schweigen. Der Pudel kann sich schämen, kennt Raum und Zeit vortrefflich, kennt die Stimme, den Ton der Glocke, den Schritt seines Herrn, die Art, wie er klingelt, kurz, er ist ein halber, ein Zweidrittelmensch. Er benutzt ja seinen Körper so gescheit wie der Mensch den seinigen und wendet seinen Verstand für seine Zwecke vollkommen an; doch mangelt ihm das letzte Drittel.

Wir müssen wesentlich verschiedene Geister, die nicht ineinander verwandelt werden können, unter den Hunden annehmen. Der Geist des Spitzes ist nicht der des Pudels; der Mops denkt und will anders als der Dachshund.

»Ich habe Hunde gekannt«, sagt Lenz, »die fast jedes Wort ihres Herrn zu verstehen schienen, auf seinen Befehl die Tür öffneten und verschlossen, den Stuhl, den Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten, ein verstecktes Schnupftuch und dergleichen aufsuchten und brachten, den Hut eines ihnen bezeichneten Fremden unter andern Hüten durch den Geruch hervorsuchten usw. Überhaupt ist es eine Lust, einen klugen Hund zu beobachten, wie er die Ohren und Augen wendet, wenn er den Befehl seines Herrn erwartet, wie er entzückt ist, wenn er ihm folgen darf, und wie jämmerlich dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß; wie er ferner, wenn er vorausgelaufen und an einen Scheideweg gekommen, sich umsieht, um zu erfahren, ob er links oder rechts gehen müsse; wie glückselig er ist, wenn er einen recht klugen, wie beschämt, wenn er einen dummen Streich gemacht hat; wie er, wenn er ein Unheil angestellt hat und nicht gewiß weiß, ob sein Herr es merkt, sich hinlegt, gähnt, den Halbschlafenden und Gleichgültigen spielt, um jeden Verdacht von sich abzuwälzen, dabei aber doch von Zeit zu Zeit einen ängstlichen, ihn verratenden Blick auf seinen Herrn wirft; wie er ferner jeden Hausfreund bald kennenlernt, unter den Fremden Vornehm und Gering leicht unterscheidet, vorzüglich einen Ingrimm gegen Bettler hegt usw. Hübsch sieht sich's auch mit an, wenn ein Hund seinem Herrn zum Gefallen Trüffeln sucht, für die er doch von Natur eigentlich gar keine Liebhaberei hat; wie ein anderer seinem Herrn den Schubkarren ziehen hilft und sich um so mehr anstrengt, je mehr er sieht, daß sein Herr es tut!«

 

Über Hunde, den Hund

Kneeb Wenedikt Kommandor: Klein Shqipy | 2018

 

Aus diesem allen geht hervor, daß die Hundearten untereinander in eben demselben Grade geistig verschieden sind, wie sie leiblich voneinander abweichen. Unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an den Herrn, unbedingte Folgsamkeit und Ergebenheit, strenge Wachsamkeit, Sanftmut, Milde im Umgang, dienstfertiges und freundliches Betragen: dies sind die hervorragendsten Züge ihres geistigen Wesens. Kein einziger Hund vereinigt sie alle in gleich hoher Ausbildung: der eine Zug tritt mehr zurück, der andere mehr hervor. Mehr, als man annimmt, tut dabei die Erziehung. Nur gute Menschen können Hunde gut erziehen, nur Männer sind fähig, sie zu etwas Vernünftigem und Verständigem abzurichten. Frauen sind keine Erzieher, und Schoßhunde deshalb auch stets verzogene, verzärtelte, launenhafte und nicht selten heimtückische Geschöpfe. Der Hund ist ein treues Spiegelbild seines Herrn: je freundlicher, liebreicher, aufmerksamer man ihn behandelt, je besser, reinlicher man ihn hält, je mehr und je verständiger man sich mit ihm beschäftigt, um so verständiger und ausgezeichneter wird er, und genau das Gegenteil geschieht, wenn umgekehrt seine Behandlung eine schlechte war. Der Bauernhund ist ein roher, plumper, aber ehrlicher Gesell, der Schäferhund ein verständiger Hirt, der Jagdhund ein vortrefflicher Jäger, der die Kunst der Jagd selbst auf eigene Faust betreibt, der Hund eines vornehmen Nichtstuers ein üppiger Faulenzer und eigentlich weit ungezogener als der rohe, ungebildete des Bauern. Jeder Hund nimmt den Ton des Hauses an, in dem er lebt, ist verständig, wenn er bei vernünftigen Leuten wohnt, wird zum hochmütigen Narren, wenn sein Herr durch Stolz die Hohlheit seines Kopfes ausfüllen muß, beträgt sich freundlich gegen jedermann, wenn es in seinem Hause gesellig hergeht, oder ist ein grämlicher Einsiedler, wenn er bei einem alten Junggesellen, bei einer älteren Jungfrau wohnt, die wenig Zuspruch hat. Unter allen Umständen fügt er sich in die verschiedenartigsten Verhältnisse, und immer gibt er sich dem Menschen mit ganzer Seele hin. Diese hohe Tugend wird leider gewöhnlich nicht erkannt, und deshalb gilt heute noch das Wort »hündisch« für entehrend, während es eigentlich gerade das Gegenteil bedeutet. Die Allseitigkeit der Befähigung erhebt den Hund auf die höchste Stufe, die Treue zum Menschen macht ihn zu dessen unentbehrlichsten Genossen. Er gehört ganz und gar seinem Herrn an und opfert ihm zuliebe sich selbst auf. In seinem Gehorsam, mit dem er alle Befehle seines Gebieters ausführt, in der Bereitwilligkeit, mit der er sich den schwersten Arbeiten unterzieht, sich in Lebensgefahr begibt, kurz, in dem beständigen Bestreben, dem Herrn unter allen Umständen zu nützen und zu dienen: darin liegt sein Ruhm, seine Größe.

Manche eigentümliche Sitten sind fast allen Arten gemein. Sie sind gegen gewisse Tiere in höchstem Grade feindlich gesinnt, ohne daß dazu ein sicherer Grund vorhanden wäre. So hassen alle Hunde die Katzen und den Igel; sie machen bei letzterem sich förmlich ein Vergnügen daraus, sich selbst zu quälen, indem sie wütend in das Stachelkleid beißen, obgleich sie wissen, daß dies erfolglos ist und ihnen höchstens blutige Nasen und Schnauzen einbringt.

Beachtenswert erscheint das sehr starke Vorgefühl des Hundes bei Veränderung der Witterung. Er sucht deren Einflüssen im voraus zu begegnen, zeigt sogar dem Menschen schon durch einen widerlichen Geruch, den er ausdünstet, kommenden Regen an.

In seinem Umgang mit Menschen beweist der Hund ein Erkennungsvermögen, das uns oft wundernehmen muß. Die Hunde wissen augenblicklich, ob ein Mensch ein Freund von ihnen ist oder nicht. Wohl nicht zu bezweifeln dürfte sein, daß die Ausdünstung gewisser Personen ihnen besonders angenehm oder unangenehm ist; allein dies würde immer noch nichts für diesen Fall beweisen. Manche Menschen werden, sobald sie in ein Haus treten, augenblicklich mit größter Freundlichkeit von allen Hunden begrüßt, selbst wenn ihnen diese noch nicht vorgestellt worden und ganz fremd sind. Ich kenne Frauen, die sich nirgends niederlassen können, ohne nach wenigen Minuten von sämtlichen Haushunden umlagert zu werden. Bei dem Umgange des Hundes mit dem Menschen kann man sehr gut den wechselnden Ausdruck des Hundegesichts beobachten. Die hohe geistige Fähigkeit des Tieres spricht sich in seinem Gesichte ganz unverkennbar aus, und es wird wohl niemand leugnen wollen, daß jeder Hund seinen durchaus besonderen Ausdruck hat, daß man zwei Hundegesichter ebensowenig wird verwechseln können wie zwei Menschengesichter.

Unter sich leben die Hunde gewöhnlich nicht besonders verträglich. Wenn zwei zusammenkommen, die sich nicht kennen, geht's erst an ein gegenseitiges Beriechen, dann fletschen beide die Zähne, und die Beißerei beginnt, falls nicht zarte Rücksichten obwalten. Um so auffallender sind Freundschaften von der größten Innigkeit, die einzelne, gleichgeschlechtige Hunde zuweilen eingehen. Solche Freunde zanken sich nie, suchen sich gegenseitig, leisten sich Hilfe in der Not usw. Auch mit andern Tieren werden manchmal ähnliche Bündnisse geschlossen; selbst das beliebte Sprichwort von der Zuneigung zwischen Hund und Katze kann zuschanden werden.

Der Geschlechtstrieb ist bei den Hunden sehr ausgeprägt und zeigt sich bei allen Arten als Äußerung einer heftigen Leidenschaft, als ein Rausch, der sie mehr oder weniger närrisch macht. Dabei ist der männliche Hund nicht ärger beteiligt als der weibliche, obgleich bei diesem die Sache in einem andern Lichte sich zeigt. Die Hündin ist zweimal im Jahre läufig, zumeist im Februar und im August, und zwar währt dieser Zustand 9 – 14 Tage. Um diese Zeit versammelt sie alle männlichen Hunde der Nachbarschaft um sich, selbst solche, die eine Viertelmeile weit von ihr entfernt wohnen. Wie diese von einer läufigen Hündin Kunde bekommen, ist geradezu unbegreiflich. Es läßt sich aber kaum eine andere Erklärung dafür geben, als daß ihr bewundernswürdig feiner Geruchsinn sie dabei leitet. Der Hund folgt der Hündin auf Schritt und Tritt und wirbt mit allen möglichen Kunstgriffen um deren Zuneigung. Jede seiner Bewegungen ist gehobener, stolzer und eigentümlicher; er sucht sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln liebenswürdig zu machen. Dahin gehören das Beschnuppern, das freundliche Anschauen, das sonderbare Auswerfen des Kopfes, die wirklich zärtlichen Blicke, das bittende Gekläff und dergleichen. Gegen andere Hunde zeigt er sich mißgelaunt und eifersüchtig. Finden sich zwei gleich starke auf gleichem Wege, so gibt es eine tüchtige Beißerei: sind mehrere vereinigt, so geschieht dies nicht, aber nur aus dem Grunde, weil alle übrigen männlichen Hunde sofort auf ein paar Zweikämpfer losstürzen, tüchtig auf sie einbeißen und sie dadurch auseinandertreiben. Gegen die Hündin benehmen sich alle gleich liebenswürdig, gegen ihre Mitbewerber gleich abscheulich, und deshalb hört auch das Knurren und Kläffen, Zanken und Beißen nicht auf. Die Hündin selbst zeigt sich äußerst spröde und beißt beständig nach den sich ihr nahenden Bewerbern, knurrt, zeigt die Zähne und ist sehr unartig, ohne jedoch dadurch die hingebenden Liebhaber zu erzürnen oder zu beleidigen. Sobald die Laufzeit vorüber ist, sind alle Hunde, wenn auch nicht gleichgültig, so doch weit weniger für den Gegenstand ihrer so heißen Liebe eingenommen.

Dreiundsechzig Tage nach der Paarung wölft die Hündin an einem dunklen Orte 3 – 10, gewöhnlich 4 – 6, in äußerst seltenen Fällen aber 20 und mehr Junge, die schon mit den Vorderzähnen zur Welt kommen, jedoch 10 – 12 Tage blind bleiben. Die Mutter liebt ihre Kinder über alles, säugt, bewahrt, beleckt, erwärmt, verteidigt sie und trägt sie nicht selten von einem Orte zum andern, indem sie dieselben sanft mit ihren Zähnen an der schlaffen Haut des Halses faßt. Ihre Liebe zu den Sprößlingen ist wahrhaft rührend: man kennt Geschichten, die nicht nur unsere vollste Hochachtung, sondern unsere Bewunderung erregen müssen.

So erzählt Bechstein eine Tatsache, die fast unglaublich scheint. »Ein Schäfer in Waltershausen kaufte regelmäßig im Frühjahre auf dem Eichsfelde Schafe ein, und seine Hündin mußte ihn natürlich auf dem 18 Meilen weiten Geschäftswege begleiten. Einst kam dieselbe in der Fremde mit 7 Jungen nieder, und der Schäfer war genötigt, sie deshalb zurückzulassen. Aber siehe, anderthalb Tage nach seiner Rückkehr zu Hause findet er die Hündin mit ihren 7 Jungen vor seiner Haustüre. Sie hatte streckenweise ein Hündchen nach dem andern die weite Reise fortgeschleppt und so den langen Weg vierzehnmal zurückgelegt und, trotz ihrer Entkräftung und Erschöpfung, das überaus schwere Werk glücklich beendet.«

Man sagt, daß die Hundemutter unter ihrem Gewölfe immer einige bevorzugte Lieblinge habe, und daß man genau zu erkennen vermöge, welcher Hund eines Gewölfes der vorzüglichste sein werde, wenn man der Hündin ihre sämtlichen Jungen wegtrage und dann beobachte, welches von ihren Kindern sie zuerst aufnehme und nach ihrem alten Lager zurückbringe. Dieser Erstling soll immer der vorzüglichste Hund sein. Wahrscheinlich ist diese Annahme nicht begründet; denn die Hündin liebt alle ihre Kinder mit gleicher Zärtlichkeit.

Gewöhnlich läßt man einer Hündin nur 2 – 3, höchstens 4 Junge von ihrem Gewölfe, um sie nicht zu sehr zu schwächen. Die kleinen Gesellen brauchen viele Nahrung, und die Alte ist kaum imstande, ihnen das Erforderliche zu liefern. Daß der Mensch eine säugende Hündin besonders gut und kräftig füttern muß, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Jeder Hundebesitzer macht der Hundemutter schon im voraus in einer stillen Ecke, an einem lauen Orte, ein weiches Lager zurecht und ist ihr dann in jeder Weise behilflich, ihre Kinder aufzuziehen. So lange die Hündin säugt, scheint ihr Herz einer umfassenden Liebe fähig zu sein, deshalb duldet sie es auch, wenn man ihr fremde Hunde, ja sogar andere Tiere, wie Katzen und Kaninchen, anlegt. Ich habe letzteres oft bei Hunden versucht, jedoch bemerkt, daß säugende Katzen noch viel freundlicher gegen Pflegekinder waren als die Hundemütter, die bei aller Herzensgüte ein Zusammenrunzeln der Nasenhaut selten unterdrücken konnten.

In der Regel läßt man die jungen Hunde 6 Wochen lang an der Alten saugen. Ist sie noch kräftig und wohlbeleibt, so kann man auch noch ein paar Wochen zugeben; es kann dies den Jungen nur nützen. Wenn man diese entwöhnen will, füttert man die Alte eine Zeitlang sehr mager, damit ihr die Milch ausgeht; dann duldet sie selbst nicht, daß ihre Jungen noch länger an ihr saugen. Nunmehr gewöhnt man letztere an leichtes Futter und hält sie vor allen Dingen zur Reinlichkeit an. Schon im dritten oder vierten Monate wechseln sie ihre ersten Zähne: im sechsten Monate bekümmern sie sich nicht viel mehr um die Alte; nach zehn, bisweilen schon nach neun Monaten sind sie selbst zur Fortpflanzung geeignet. Will man sie erziehen oder, wie man gewöhnlich sagt, abrichten, so darf man nicht allzulange zögern. Adolf und Karl Müller, zwei ebenso tüchtige Forscher als Jäger, beginnen den Unterricht ihrer Jagdhunde, sobald diese ordentlich laufen können, und erzielen glänzende Erfolge. Ihre Zöglinge erhalten keinen bösgemeinten Schlag, kaum ein hartes, höchstens ein ernstes Wort und werden die allervortrefflichsten Jagdgenossen und Jagdgehilfen. Junge Hunde sollen behandelt werden wie Kinder, nicht wie verstockte Sklaven. Sie sind ausnahmslos willige und gelehrige Schüler, achten sehr bald verständig auf jedes Wort ihres Erziehers und leisten aus Liebe mehr und Tüchtigeres als aus Furcht. Abrichter junger Hunde, welche ohne Stachelhalsband und Hetzpeitsche nichts ausrichten können, sind ungeschickte Peiniger, nicht aber denkende Erzieher. Wer sich von Hause aus nicht mit der Abrichtung von Tieren befaßt hat, tut entschieden am besten, wenn er dies von einem darauf eingeübten verständigen Manne besorgen läßt.

Der Hund tritt schon im zwölften Jahre in das Greisenalter ein. Dieses zeigt sich an seinem Leibe ebensowohl als an seinem Betragen. Namentlich auf der Stirn und der Schnauze ergrauen die Haare, das übrige Fell verliert seine Glätte und Schönheit, das Gebiß wird stumpf, oder die Zähne fallen aus; das Tier zeigt sich träge, faul und gleichgültig gegen alles, was es früher erfreute oder entrüstete; manche Hunde verlieren die Stimme fast gänzlich und werden blind. Man kennt übrigens Beispiele, daß Hunde ein Alter von 20, ja sogar von 26 und 30 Jahren erreicht haben. Doch sind dies seltene Ausnahmen. Wenn nicht Altersschwäche, endet eine der vielen Krankheiten, denen auch sie ausgesetzt sind, ihr Leben.

Eine sehr häufig vorkommende Hundekrankheit ist die Räude, gewöhnlich eine Folge von fetter und zu stark gesalzener Nahrung, schlechtem Wasser, wenig Bewegung und Unreinlichkeit. Junge Hunde leiden oft an der Staupe oder Hundeseuche, einer Erkältung, die Entzündung der Schleimhäute herbeiführt und am häufigsten zwischen dem 4. und 9. Monate vorkommt. Wohl mehr als die Hälfte der europäischen Hunde erliegen dieser Krankheit oder verderben doch durch sie. Die entsetzlichste Krankheit aber ist die Tollheit oder Wut, durch die bekanntlich nicht bloß die übrigen Hunde und Haustiere, sondern auch Menschen aufs höchste gefährdet werden. Sie wird beim Biß durch einen Erreger übertragen, kommt erst ungefähr 6 – 8 Wochen nach der Infektion zum Ausbruch und führt unter Lähmungserscheinungen zum Tode des Befallenen. Wir besitzen heute einen Impfstoff, durch dessen rechtzeitige Verabreichung die Krankheit in fast allen Fällen geheilt werden kann. Beim Hunde äußert sich die Krankheit, wie ihr Name schon andeutet, in sinnlos wütendem Beißen jeder Geschöpfes, das in seine Nähe kommt; selbst der eigene Herr wird angefallen. Der Hund zeigt schon zu Anfang der Krankheit ein befremdendes, verändertes Betragen, das sich bald zur Raserei steigert, wobei Schaum vor das Maul tritt; schließlich verendet das Tier.

Das untrüglichste Kennzeichen von der Gesundheit eines Hundes ist seine kalte und feuchte Nase. Wird diese trocken und heiß, und trüben sich die Augen, zeigt sich Mangel an Freßlust usw., so kann man überzeugt sein, daß der Hund sich unwohl befindet. Bessert sich der Zustand des Leidenden nicht rasch, und fruchten die von einem tüchtigen Tierarzte verordneten Mittel nicht bald, so ist wenig Hoffnung für Erhaltung des Tieres vorhanden; denn ernste Krankheiten überstehen nur wenige Hunde. Verwundungen heilen schnell und gut, nicht selten ohne jegliche Beihilfe; innerlichen Krankheiten stehen selbst erfahrene Ärzte, geschweige denn Quacksalber, meist ratlos gegenüber, weil jene in auffallend kurzer Zeit das Ende herbeiführen.

Alle Hunde werden von Schmarotzern geplagt. Sie leiden oft entsetzlich an Flöhen und Läusen, und an gewissen Orten auch an Holzböcken oder Zecken. Erstere vertreibt man bald, wenn man unter das Strohlager des Hundes eine Schicht Asche auf den Boden streut, oder das Fell des Tieres mit Insektenpulver einreibt. Zecken entfernt man nach Betupfen mit Petroleum oder Benzin. Schwieriger ist den Bandwürmern beizukommen. Namentlich Jagdhunde leiden an diesen abscheulichen Schmarotzern, weil sie häufig das Fleisch und die Eingeweide von Hasen und Kaninchen verzehren, in denen der Bandwurm als Finne lebt. [...]

Der Nutzen, welchen der Hund als Haustier leistet, läßt sich kaum berechnen. Was er den gesitteten und gebildeten Völkern ist, weiß jeder Leser aus eigener Erfahrung; fast noch mehr aber leistet er den ungebildeten oder wilden Völkerstämmen. Auf den Südseeinseln wird sein Fleisch gegessen, ebenso bei den Tungusen, Chinesen, Njamnjams, Grönländern, Eskimos und den Indianern Nordamerikas. Im nördlichen Asien gibt sein Fell Kleidungsstoffe her, und selbst in Deutschland werden Hundefelle zu Mützen, Taschen und Muffen verarbeitet. Aus Knochen und Sehnen bereitet man Leim; das zähe und dünne Hundeleder wird lohgar zu Tanzschuhen und weißgar zu Handschuhen, das Haar zum Ausstopfen von Polstern benutzt. Hundefett dient zum Einschmieren von Räderwerk usw. und galt früher als Hausmittel gegen Lungenschwindsucht.

Schon seit den frühesten Zeiten wurde der Nutzen der Hunde gewürdigt; die Behandlung, welche sie erfuhren, und die Achtung, in der sie standen, war aber eine sehr verschiedene. Sokrates hatte die Gewohnheit, bei dem Hunde zu schwören; Alexander der Große war über den frühzeitigen Tod eines Lieblingshundes so betrübt, daß er ihm zu Ehren eine Stadt mit Tempeln bauen ließ; Homer besingt den Argus, den Hund des Ulysses, in wahrhaft rührender Weise (die „Argusaugen" sind heute noch sprichwörtlich). Gar nicht zu zählen sind die Schriftsteller, welche die Treue des Hundes rühmen. Die Spartaner opferten dem Gott des Krieges einen Hund; junge, säugende Hunde durften von dem Opferfleische fressen. Die Griechen errichteten ihnen Bildsäulen; demungeachtet war bei ihnen das Wort Hund ein Schimpfwort. Bei den Juden war der Hund verachtet, was viele Stellen aus der Bibel beweisen; und heutigentags ist dies bei den Arabern kaum anders. Hochgeehrt war der Hund bei den alten Deutschen. Als die Zimbern im Jahre 108 v. Chr. von den Römern besiegt worden waren, mußten letztere erst noch einen harten Kampf mit den Hunden bestehen, die das Gepäck bewachten. Bei den alten Deutschen galt ein Leithund 12 Schillinge, ein Pferd dagegen nur 6. Wer bei den alten Burgundern einen Leithund oder ein Windspiel stahl, mußte öffentlich dem Hunde den Hintern küssen oder sieben Schillinge zahlen.

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tado ink | 29.01.2019 | Kunstkammer
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