Zwischen den Festen

Das Bild des Jahres

Heiligabend vorbei – ganz Deutschland liegt auf dem Sofa und reibt sich bräsig den Wanst. Von wegen Krise. Süßer die Kerzen nie funkelten. Von wegen Schulden. Wir suhlen uns im Fett und am Abend gibt's die Agonie Europas direkt aus Schloss Bellevue, hoheitlich illuminiert. Mir war schon am frühen Morgen des ersten Weihnachtstags speiübel. Und ich fragte mich, ob man nicht ganz einfach mit dem Essen aufhören und zum Hungerkünstler werden sollte.

Verwarf den Gedanken aber rasch wieder. Statt auf Unmensch zu machen, verlegte ich mich auf ein kaum minder verrücktes Unterfangen: ich stellte mir die Aufgabe, zwischen den Festen nicht einfach nur eines, sondern das Bild des Jahres ausfindig zu machen. Keine Kompromisse also. Schluss mit dem billigen Relativismus. Ein Bild sollte es sein, das Bild schlechthin –, ein Photo, Gemälde oder was auch immer, auf dem all das, was uns im vergangenen oder vergehenden Jahr bewegte, vollendete Gestalt angenommen hat, der Moment beredt wurde oder, wie man auch sagen könnte, der Zeitgeist sich auf wundersame Weise zur Ikone verpuppt hat. – 2011 als eine Art optisches oder visuelles Konzentrat von extremer Dichte. Das war es, was zu suchen ich mir vornahm. Koste es, was es wolle.

Ein verrücktes Unterfangen, wie gesagt, total bekloppt. Man mache die Probe und gehe eine der Chroniken durch, die zum Jahresabschluss von der Journaille gleich massenhaft auf den Markt geworfen werden. Bilder, nichts als Bilder. Sie erschlagen einen geradezu. Es gibt jede Menge Photos von den Massenkundgebungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo und anderen Orten der arabischen Rebellion, diverse von den Trümmern und dem Schrott, die der Tsunami an der Nordküste Japans hinterlassen hat, und das aus dem Oval-Office natürlich, in dem Barack Obama mit seinem Stab der Liquidierung Osama Bin Ladens via Satellit zuschaut. Wir hatten Lady Gaga mal so, mal anders kostümiert, immer auf dem Laufsteg, nicht nur für Thierry Mugler in Paris, Angela Merkel, wie sie auf der IAA verlegen hinter dem Lenkrad eines neuen VW sitzt und den Photographen zulächelt und Ai Weiwei, der, eben aus der Haft entlassen, sich am Tor seines Pekinger Ateliers von zahlreich versammelten Journalisten verabschiedet. Und wir hatten noch einiges mehr. Und unter all diesen Bildern, sagte ich mir, soll nun eines sein, das hervorsticht, anders ist als all die anderen Bildern, sie schlägt, um einiges stärker ist als all das Zeug, das mir vor Augen steht, es aufhebt, überflüssig macht? Du bist ein Vollidiot.

Sei's drum. Machen wir uns lächerlich, seien wir ein wenig anmassend! Es gibt ein Bild, ob man es glaubt oder nicht, das alle anderen Bilder aussticht, das Bild des Jahres, definitiv. Es dauerte freilich eine Weile, bis ich es fand. Es war alles andere als einfach, erforderte eine penible Recherche, Nachdenken und Abwägen, 1001 Verwerfung. Was landete nicht alles im Papierkorb, bis ich auf das Bild stieß, das ich gesucht hatte. Plötzlich lag es vor mir auf dem Schreibtisch: ein Monumentalgemälde, quietschbunt, aus japanischer Hand. Eine Notiz besagte, es sei im Herbst des Jahres über eine Galerie in Paris zu einem ungenannten Preis an einen unbekannten Sammler gegangen. Sein Titel entspricht in etwa seiner Größe und dem Format von 3 mal 6 Metern: »As the Interdimensional Waves Run Through Me, I can Distinguish Between the Voices of Angel and Devil«. Es stammt aus der Werkstatt von Takashi Murakami.

 

Zwischen den Festen

Takashi Murakami: As the Interdimensional Waves Run Through Me, I can Distinguish Between the Voices of Angel and Devil | 2011

 

Offen gesagt, ich bin weit entfernt davon, Murakamis Gleichnis auf den Weltenzustand verstanden oder entziffert zu haben – dazu ist das Gemälde, ungeachtet seines plakativen Charakters, allzu rätselhaft, ausserdem kann ich kein Japanisch –, aber es scheint mir, als ob es eben das auf den Punkt brächte, was das Jahr 2011 drastisch hervorgekehrt hat, die Fragilität der Verkehrsverhältnisse und Zustände auf Erden, die tragende Rolle, die der Bogen oder die Brücke des Todes dabei spielt, nicht zu vergessen der vergrätzte oder bedepperte Blick, mit dem der über allem thronende, vor einer schwarzen Sonne platzierte Götterlöwe die Szene quittiert. Zum Knutschen, wäre da nicht ... Aber dazu mehr, sobald ich mich versichert habe, das hinter den japanischen Schriftzügen, die links auf dem Gemälde laufen, nicht mehr steckt als dessen Legende: »Wenn die interdimensionalen Wellen mich durchdringen, kann ich zwischen den Stimmen des Engels und des Teufels unterscheiden.«

tado ink | 29.12.2011 | Kunstkammer
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