unverhofft kommt oft

kapitel 1 | toteiskessel

»Neukloppsooo?«

»Globsow, Thomas, nicht Kloppso. Neu ... Glob ... Sow. Mit einem weichen ›g‹ in der Mitte und einem stimmlosen ›w‹ zum Schluss. Capisce?«

»Never heard of. Muss man?«

»Was muss man schon.«

»Aber eins kann ich dir versprechen: du wirst den Ort schon noch kennenlernen, Neu ... Glob ... Sow. Wir haben uns nämlich entschieden, Barbara und ich. Ob du es glaubst oder nicht, wir sind uns einig, ausnahmsweise sind wir uns mal einig geworden. Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, aber jetzt steht es fest. 'Entweder hier, in Neuglobsow, oder gar nicht', habe ich zu Barbara gesagt, als wir auf der Terrasse unseres Hotels saßen und den Tag Revue passieren liessen. Und, ob du es glaubst oder nicht, sie hat aufgeschaut, gelächelt und einfach nur ja gesagt. Und noch am selben Abend, wir hatten reichlich gegessen, Brandenburger Schlachtplatte oder so, kam ich mit Motzke ins Gespräch, dem Wirt unseres Hotels am Stechlin. Barbara war bereits aufs Zimmer gegangen, ein wenig müde, du kennst sie ja, während ich mir noch einen Schnaps hatte kommen lassen, den Motzke mir mit einem gut gelaunten 'Na denn Prost' vor die Nase stellte. Eine witzige Type übrigens, dieser Motzke, kennt alles und jeden, quatsch in einer Tour, dabei scheint er's faustdick hinter den Ohren zu haben. Und stell dir vor, beim dritten Schnaps, Nordhäuser, trinkt man da oben, ich hatte Motzke beiläufig gefragt, wie es denn um Grundstücke in Neuglobsow bestellt sei, erzählt er mir, bestens. Bauland, das in Neuglobsow zum Verkauf stünde, gäbe es reichlich. Wenn ich aber wirklich interessiert sei und er mir einen Tip geben dürfe, es gebe da ein Stück Land, das als Baugrundstück zwar noch gar nicht ausgewiesen sei, von dem er aber mit Bestimmtheit wisse, dass es in absehbarer Zeit ausgeschrieben werde. Noch stünde dort das alte Kino, so Motzke, 'ne Wellblechröhre, nicht gerade hübsch. Aber durch die dürften wir uns nicht abschrecken lassen. Der Schuppen werde, das wisse er mit Sicherheit, abgerissen. Der komme weg. In den guten alten Zeiten, ja früher, fuhr Motzke fort, sei das mal ein richtiges Kino gewesen. Im Sommer habe man dort Klassiker wie 'Die Kraniche ziehen« sehen können und anderes Zeug von der DEFA, für die Feriengäste, wenn's mal geregnet habe oder den Leuten langweilig war, aber das sei lange vorbei, den Projektor gebe es zwar noch, die Leinwand auch, aber seit geraumer Zeit diene der Schuppen der Gemeinde nur noch als eine Art Zeughaus, Motorsägen, Schneeschaufeln usw. Man sei aber schon dabei, so Motzke weiter, die Lichtspielröhre zu entrümpeln, die Klohäuschen davor kämen auch weg, es sei denn, es fände sich ein Liebhaber. Wisse man ja nie in diesen Tagen. Wie auch immer. Auf keinen Fall dürften wir uns durch den Zustand, in dem das Gelände sich befindet, täuschen lassen, er, Motzke, wisse nur eines, wenn er noch einmal die Absicht hätte, sich am Stechlin niederzulassen, er würde alles dran setzen, eben dieses Grundstück zu ergattern. Aber ihm seien ja die Hände gebunden. Was Besseres als das, so Motzke, während er mir auf Kosten des Hauses noch einen Nordhäuser einschenkte, fände ich in der ganzen Gegend nicht.«

»So.«

»Ich hab's mir natürlich angeschaut, am nächsten Tag, mit Barbara, das Grundstück. Ein Traum, sag ich dir, Tommy, ein Traum, Neuglobsow überhaupt. Wenn man's recht bedenkt. Du trittst aus dem Haus, hältst die Nase in den Wind, es riecht nach was weiß ich, hörst es Flüstern und Rauschen, gehst ein paar Schritte, uralte Buchen und Eichen säumen den Weg, Kiefern auch, hier und da wiegt sich eine Birke, und dann stehst du da, unversehens am Ufer des Sees. Stille, kein Laut, der Große Stechlin liegt da und ist so still und ruhig, als ob sein Anblick nur dem einen Zweck diente, dich das Schweigen zu lehren. Man möchte schreien vor Glück. Eine weite glatte Fläche, ein Spiegel, in dem der Himmel sich betrachtet und an dessen Rändern, so weit das Auge reicht, dichtgedrängt Buchen, Kiefern und Eichen stehen. Kaum ein Mensch weit und breit, nicht der geringste Lärm, bis auf das Flüstern und Rauschen, wie gesagt, das durch die Wipfel und Zweige der Bäume streicht. Unablässig. Es ist, als ob es dich in eine andere Welt verschlagen hätte, wie im Märchen. Ein Traum, Tommy, einfach nur ein Traum.«

»Und da willst du hinziehen, dich niederlassen, ein Haus bauen? Du bist überzeugt, da könnt ihr leben, du und Barbara, in Neu ... Glob ... Sow? Sorry, George, aber für mich klingt das schwer nach J.W.D.«

»Nenn es J.W.D., nenn es fernab der Welt. Du kannst auch Provinz sagen, aber in gut einer Stunde bist du in Berlin, in weniger als einer halben in Rheinsberg, und nach Hause ist es auch nicht gar so weit.«

»Please hold the line ... Ihr Gesprächsteilnehmer ist gleich wieder für sie da ... Please hold the line ... Ihr Gesprächsteilnehmer ist gleich wieder für sie da ...«, säuselte plötzlich eine fremde Stimme in der Leitung. Was ist das jetzt wieder, dachte Thomas Schlaffer. »George? Hallo? Bist du noch da?« Als ob er über den Anruf des Freundes nicht bereits verwirrt genug gewesen wäre, hörte Schlaffer weiter nur den monotonen Singsang der Automatenstimme. »Please hold the line ...« Wie kommt der Mensch nur dazu, mich um diese Zeit anzurufen, fragte sich Schlaffer, und das in einer derart ausgelassenen Stimmung. So kannte er Georg Bredenkötter gar nicht, es sei denn zu fortgerückter Stunde, wenn sie um die Häuser zogen und was getrunken hatten. Dann konnte es mit Georg ziemlich lustig sein. Normalerweise freilich trat Bredenkötter eher zurückhaltend auf, um nicht zu sagen schüchtern. Selbst im engsten Kreise gab er sich mit Vorliebe sachlich, kühl, nüchtern bis zur Schmerzgrenze. Es gab nicht wenige, die ihn, nachdem sie ihn kurz kennengelernt hatten, als einen Langweiler der übelsten Sorte abstempelten. Schlaffer wusste es besser. Ein Ostwestfale eben, sagte er, wenn sich jemand abfällig über den Freund äußerte, ein Ostwestfale, wie er im Buche steht. Knochentrocken, aber mit Biss. Und jetzt früh am Tag bereits ausgelassen. Komisch, dachte Schlaffer.

»Hallo. Hallo. Was war das jetzt wieder?«, brüllte Schlaffer in den Hörer, als der Singsang abbrach und er wähnte, am anderen Ende der Leitung erneut Geräusche und den Atem des Freundes vernommen zu haben.

»Keine Ahnung«, antwortete Georg. »NSA oder die Telekom? vielleicht auch der Verfassungsschutz oder die Chinesen? Wir haben die Apparate einfach nicht im Griff.«

»Nein«, so Schlaffer, »wir haben sie nicht im Griff, die Apparate, ganz und gar nicht. Wir müssen dran arbeiten.«

»Wir arbeiten dran. Wo steckst du übrigens? Du bist nicht zufällig zu Hause?«

»Wo sonst, Mann? Um diese Zeit.«

»Dann komme ich kurz mal vorbei, wenn's recht ist. Ich hab da noch was für dich. Aus Neuglobsow, weest de.«

Noch bevor Schlaffer etwas entgegnen konnte, hatte Bredenkötter bereits aufgelegt. Eigentlich keine gute Zeit, um Besuche zu empfangen, dachte Schlaffer. Es war sechs Minuten vor Zwölf, und er hatte das Pensum, das er sich für diesen Vormittag vorgenommen hatte, längst nicht erledigt. Zerstreut fuhr sein Blick über die Aufzeichnungen, die vor ihm ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen und darauf warteten, in die Vorlesung eingebaut zu werden, an der er gerade saß. Es wäre übertrieben, las er, den Abbé Galiani als einen homme à femmes zu apostrophieren, dazu war er einfach nicht stattlich oder gut genug gebaut, kleinwüchsig, wie er war, missgestaltet, ein Zwerg, wie es derer in Neapel viele gab und gibt, andererseits aber ... Da klingelte es auch schon an der Haustür.

Vor der Tür stand Georg, lächelnd, in der einen Hand sein Smartphone, in der anderen ein Unding von einem Koffer. Von draussen drang ein milder Luftzug in das vom Winter ausgekühlte Haus, gegenüber, im Garten des Nachbarn, gewahrte Schlaffer, wie die gerade erst aufgeblühte Magnolie begann, sich ihrer Pracht zu erledigen. »Na«, meinte Georg strahlend. »Zu viel versprochen? Ist der nicht schön? Für dich.« Und dabei ließ er, das Gesicht gerötet, den Koffer leicht vor- und zurückschwingen. »Komm rein.« Bevor Schlaffer noch Gelegenheit hatte, den Freund zu fragen, was er stets fragte, wenn jemand tagsüber zu ihm auf Besuch kam: 'Espresso? Capuccino? Latte Macchiato?', hatte Freund Georg sich auch schon an den Küchentisch gesetzt. Den Koffer hatte er neben sich platziert, vor dem Heizkörper. »Ein Espresso wäre schön.«

Schlaffer hatte selten etwas derart hässliches gesehen wie den Koffer, der da jetzt in seiner Küche stand: unförmig, ausgebeult und abgeschabt, reif für die Müllhalde, so der erste Eindruck. Die Farbe war zum Wegschauen, ein undefinierbares, ins Schmutzig-Ockrige oder Schlammige gehendes Hellbraun, Kunstleder, so viel war klar, fleckig hier und da, mit etlichen Kratzern und Partien, an denen der Bezug aufgerissen war, so dass die darunter liegende Pappe zum Vorschein kam. Schäbig. Die Verschläge und Schlösser waren, wie es schien, aus Blech. Rost drang durch.

»Da staunst du, nicht wahr?«, sagte Georg. »So was sieht man nicht alle Tage. Für dich, mein Lieber, ganz frisch aus der Mark Brandenburg. Mit Grüßen von Barbara. Wir sind dir schließlich was schuldig.«

»Quatsch mit Soße! Was solltet ihr mir schuldig sein«, bemerkte Schlaffer, während er den Siebträger füllte, Ihn in die Gaggia Maschine schraubte und eine Espressotasse drunter stellte.

»Ohne dich, mein Lieber, wären wir ja doch nie in Neuglobsow gelandet, und wenn wir nicht in Neuglobsow gelandet wären, hätten wir das Grundstück nicht gefunden, und ohne das Neuglobsower Grundstück, wer weiß, ob aus dem Traum, den Barbara und ich schon so lange hegen, je etwas geworden wäre, aus unserem Traum von einem Haus am See.«

Schlaffer verstand nur Bahnhof. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, auf was der Freund da anspielte. »Du warst es doch, der von Rheinsberg schwärmte«, erläuterte dieser, »erinnerst du dich nicht, vom schönen Rheinsberg sprachst du und mehr noch von der Gegend rund um Rheinsberg. 'Wald, Wald, Wald – so weit das Auge reicht'. Mark your words: 'Kiefern, Eichen auf sandigem Grund, Birken dazu, Tannen und Buchen, was es so gibt, und immer wieder Seen, einer schöner als der andere, mal größer, mal kleiner, mit einladenden Buchten und sanft ansteigenden Hügeln drumherum, eine unberührte, beinah paradiesische Natur. – In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs.' Deine Worte.«

»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht«, meinte Schlaffer, während er sich an den Küchentisch setzte und Bredenkötter die Dose mit dem Zucker rüber schob und den Espresso. »Aber Neuglobsow? ich kann mich nicht erinnern, je etwas von Neuglobsow gehört zu haben, geschweige denn meinen Fuß in einen Ort mit diesem Namen gesetzt zu haben. Und der Stechlin – ein See? Ich dachte immer, das sei der Name eines Romans und einer Figur von Theodor Fontane. Was Spätes. Steht irgendwo rum, ungelesen. Offen gestanden. Ihr seid nicht durch mich auf Neuglobsow gekommen, oder?«

Ohne dass Schlaffer sich versah, war ihm auch schon Flittchen, die kleine getigerte Katze, die er sich hielt, auf die Beine gesprungen. Sie buckelte kurz, ließ sich den Rücken streicheln und machte es sich, nicht ohne sich vorher dreimal um die eigene Achse gedreht zu haben, gemächlich im Schoß ihres Herrn und Meisters bequem. Schlaffer kraulte sie sanft und kurz unterm Kinn.

»Zufall, der reine Zufall und ein wenig Glück«, nahm Georg Bredenkötter wieder das Wort. »Statt an die Müritz zu fahren, wie Barbara und ich es uns eigentlich vorgenommen hatten, sind wir kurzerhand deinem Rat gefolgt und haben Kurs auf Rheinsberg genommen. Einige Kilometer vor Rheinsberg allerdings, in Menz, um genau zu sein, Menz Ortsmitte, dachte ich, ist ja doch noch früh am Tag, fahren wir doch mal rechts ab. Und dann sind wir einfach so in's Blaue hinein gefahren, immer geradeaus, auf einer schönen, frisch asphaltierten Landstrasse. Links und rechts nichts als Wald. Als wir an eine Kreuzung kamen, an der die Landstrasse einen scharfen Knick nach rechts macht, sind wir, statt auf der L 122 den Weg nach Fürstenberg zu nehmen, weiter geradeaus gefahren, eine kleine Stichstrasse tief in den Wald hinein. Und es dauerte nicht lang, da lag uns Neuglobsow zu Füssen. Buchstäblich. Plötzlich. Linker Hand, am Fuße eines Hügels: Häuser, Villen, einige Gasthöfe, Datschen usw. Hübsch anzuschauen, eine Ortschaft eben, im Grunde ein Dorf, ein Feriendorf, wenn man's genau nimmt. Macht aber nichts, am Ende des Dorfes liegt der Große Stechlin. Es war Liebe auf den ersten Blick. Bei Barbara und bei mir. Und das Grundstück erst, als wir es tags darauf besichtigten, ideal, perfekt, großartig. Wie wir es uns nicht schöner hätten ausmalen können: am Rand des Dorfes, unweit des Sees, ganz dicht am Wald. Die Klohäuschen, die dort stehen, musst du dir natürlich wegdenken. Die werden abgerissen, wie uns versichert wurde. 'Keene Sorjen, die Herrschaften, die wer'n wir schon platt kriejen, die Dinga. Da schnarcht nicht een Stein uff'n nächsten, wenn wir mit denen am Ende sind. Da sehn se innen paar Tajen nüscht mehr von. Det versichre ick Sie.' So zuletzt einer von der Gemeinde, auf den Barbara und ich stießen, als wir uns das Grundstück kurz vor der Abreise noch einmal anschauten. Ein Arbeiter, famoser Typ, kann ich dir sagen Behnke hieß er, Karl Heinz, wenn ich mich recht erinnere. Ganz in Rot-Orange, mit Reflektorweste, Helm auf dem Kopf und schweren Stiefeln. 'Motzke', so dieser Behnke, 'hätt ihm schon jesacht, det wir kämen und det er sick 'n bisschen um uns kümmern soll. Kommen se ruhich näher. Passiert ihnen nüscht. Wenn et die Fatzkes in Gransee nich jäb, so der Mann weiter, wer'n sie ja och een jehörichtet Stück weiter fortjeschritten. Aber die müssen eenen ja lofend kujonieren. Wenn sie in Neujlobsow nur so dürften, wie se wollten und könnten, denn wär det Ding längst am Looffen. Wah. Kieken se. Mit der Wellblechtonne jeht et los, ick bin schon dran annem Ding. Det muss alles raus. Wech! Sie machen ihnen ja keene Vorstellung, wat sich in so'n Jemeendeschuppen alles anhäuft im Loofe der Zeit. Könnt man jlatt 'n Museum von gründen. Leuchtreklame vom Konsum, bitte schön, H&O, liecht hier man nur so inne Gejend rum. Wat will eener damit. Wech! Und die Schilder. Plaste & Elaste und wat wees denn icke. Kann doch keener wat mit anfangen, met det Zeug. Oder dieser olle Koffa hier', so Behnke, berlinerte Bredenkötter weiter, 'wat hat det Ding hier verloren. Fragte ick mir, als ick'n fand, und dann den Motzke. Antwort: Nüscht. Keener wees, wat er hier innen Schuppen tut und wo er herjekommen is. Se brochen nich zufällig eenen, wah, ick meen so'n Koffa, so'n schicken? Den hier können se nämlich haben, und det für umsonst. Denn bin ick'n los. Sonst muß ick'n nemlich uffschreeben, wah, Befehl von janz oben. Rejister, son Rejister wolln se für allet, wat nich niet- und najelfest is, die Herrschaften in Gransee. Un det schafft Umstände. Können se sich ja denken. Det Ding is pippe pappe voll mit jelehrtem Zinnoba, Schriften, Briefe, Bücher, wat wees'n icke. Ick hab nur kurz mal'n Blick druffjeworfen. Nüscht für mir und meene Ische. Jehört ooch keenen, wie jesacht. Schenk ick sie. Nee nee, keene Angst, det Ding is sauber. Leg ick meenen Dicken für innen Kamin. Nu, wat is? Wollen se ihn, oder woll'n se ihn nich? Wenn ick die Herrschaften eenen Tip jeben darf: Nehmen se ihn lieber, nehmen sie ihn an sich, sonst kommt det hier uff'n Jelände noch dazu, det ick ihn abfackle. Un det kann ja wohl nich im Sinne der Herrschaften seen, wah, uff ihre Klitsche in spe so'n kleenes Lajerfeuer. Jibt ja doch schon jenuch Leichen im Keller, wah. Also nehmen se det Ding jefälligst an ihnen. Tun se mir eenen Jefallen und schaffen se's mich schlicht aus de Optik.' – Was sollten wir tun, was blieb Barbara und mir übrig. Wir bedankten uns, ein wenig verlegen, herzlich, ermunterten Behnke, weiter fleissig zu sein, und schoben mit dem Koffer, der mir schwer in der Hand lag, ab. Frau Motzke, der wir auf dem Weg zum Mercedes mit einer Freundin im Arm begegneten, schaute den Koffer nur scheel von der Seite an, während sie uns ausnehmend freundlich grüßte.«

Schlaffer saß da, hörte sich den Bericht des Freundes an und sagte erst mal nichts. Was sollte er auch sagen. Klasse? Er hatte, so weit er sich erinnern konnte, nie in seinem Leben den Traum gehegt, einen Baum zu pflanzen oder einen Sohn zu zeugen, geschweige denn, sich, wo auch immer, ein Heim zu schaffen. Er lebte mehr oder weniger in den Tag hinein, mutterseelenallein zumeist, wie es sich für einen Gelehrten gehört. Seine Welt war die Welt der Bücher und die des flüchtigen Vergnügens. Nebenher kümmerte er sich um Flittchen, seine Katze. Kochen bereitete ihm ebenfalls Vergnügen. Mit Blick auf die Frage, wie wohnen, hielt er sich an das schöne alte Wort, wonach der Mensch nicht mehr ist als ein Gast auf Erden.

Georg störte sich nicht an dem Schweigen des Freundes. Er erzählte weiter von Neuglobsow und Dagow, sprach vom Luisenhof und dem Fontane-Haus, vom Fenchelberg und anderen Sehenswürdigkeiten vor Ort. Gedankenverloren schaute Schlaffer aus dem Fenster. Seit einigen Tagen schon lag ein lichtblau gefluteter Himmel über der Stadt. Dann und wann zog eine Wolke über ihn hinweg. An der Ampel, die vor dem Haus steht und auf Rot umgesprungen war, kam der Verkehr kurzzeitig zum Erliegen. Es bildeten sich Schlangen auf sämtlichen Fahrspuren. Als sie sich wieder auflösten und der Verkehr erneut ins Rollen kam, sprang Schlaffer auf der gegenüberliegenden Strassenseite etwas ins Auge, verdeckt zwischen den Silhouetten der im Konvoi vorüber preschenden Automobile. Was genau es war, wußte Schlaffer nicht. Es schien ihm nur, als ob dort drüben, wo sich für gewöhnlich höchstens mal ein Radfahrer verirrt und pes einlegt, jemand oder etwas wäre, das ihm winkte, etwas blendend Weisses oder silbern Strahlendes. Im selben Moment noch erkannte Schlaffer, worum es sich in Wirklichkeit handelte. Keine Flagge im Wind, ein blutjunges Mädchen vielmehr, den Kopf in den Nacken geworfen, das vorüberschritt. Sie trug ein ziemlich kurzes, weisses, auf Taille geschnittenes Kleid, das bis zu den Borden und Tressen mit weisser Spitze überzogen und verziert war. An den Seiten, kurz über der Hüfte, war ein handtellergroßes Karo ausgeschnitten, das die Haut freilegte. Das junge Fräulein schaute, wie Mädchen in diesem Alter schauen, ernst und streng und gerade aus –, dabei konnte Schlaffer sich nicht des Eindrucks erwehren, als ob sie boshaft in sich hinein lächelte. Die Blicke, die aus den Autos auf sie fielen, kümmerten sie nicht im geringsten. Spöttisch, ihrer selbst durchaus bewusst, schritt sie, ein Bein vor das andere werfend, die Straße entlang. Sie sah hinreissend aus. Umwerfend, dachte Schlaffer. Lange, dichte Wimpern über einem dunklen Augenpaar, fein und scharfgeschnittene Brauen, eine kecke Nasenspitze und Lippen, die rot und feucht und unschuldig am Fuße makelloser Wangen leuchteten. Ihr im Nacken nachlässig aufgestecktes Haar schimmerte hellbraun und tänzelte flatternd im Wind, als ob es Gott und der Welt bedeuten wollte, jederzeit bereit, euch die Stirn zu bieten. Über die rechte Schulter hatte sie sich ein tiefblaues, mit schwarzen Troddeln versehenes Jäckchen geworfen. Es hing lässig an einem ihrer Finger. Sie ging nicht einfach, sie schien vielmehr über das Pflaster zu schweben, mal verdeckt, dann wieder hervortretend hinter und zwischen all den Autos, die vorüberfuhren. Fliegenden Schritts, die vom Winter noch blasse Haut zur Sonne und zum Markte tragend, verschwand sie, ohne sich umzuschauen, in der Ferne. Stück für Stück. Das letzte, was Schlaffer sah, waren Stiefelletten. Nur dass er nicht recht wußte, ob diese jetzt wirklich pink oder rosa waren, wie er sich einbildete, oder nicht vielleicht doch schlicht rot. Am Schaft, da war er sich sicher, auf der Höhe der Knöchel, lugten schwarzseidene Socken hervor, die als Stulpen auf die Stiefel fielen. Erneut stockte der dicht und zäh vor dem Fenster auf- und abflutende Verkehr. Rot.

»Und, wie gesagt, wenn du mit dem Koffer nichts anfangen kannst, dann schmeiß ihn einfach weg. Ich dachte nur, das könnte was für dich sein. Vielleicht. Von wegen Literatur, Philologie und so.«

 

 

 

[Fortsetzung folg]

 

tado ink | 14.11.2013 | Toteiskessel
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