Unverhofftes Wiedersehen

Elegie in Prosa

Gestern Abend Antigone wiedergesehen, unverhofft. Sie trug die Maske der Juliette Binoche. Aber ich ließ mich nicht täuschen, nicht die Binoche, Antigone war's, die da vor mir stand, des Ödipus' Tochter und Schwester zugleich, dort hinten, fern, auf weiter Bühne: schwarz gewandet, barfuß, das Haar im Wind, das Haupt in den Nacken geworfen. Ja, Antigone, du warst es, du, meine Schwester, meine Liebste, dich sah ich, wie ich dich vor Zeiten sah: ein glühend schwelender Stern in sterngleißender Nacht.

Wo warst du über all die Jahre? Weshalb hast du dich nie wieder gemeldet? Oder warst du gar nicht fort, standest vielmehr die ganze Zeit im Raum und schautest mir, wie du es in jungen Jahren tatest, verstohlen über den Rücken, während ich mich vergeblich mühte, deinen Namen aufs Papier zu bringen? Aber nein, so war es nicht, wir trennten uns, und nicht du, Antigone, meine Schwester, meine Liebste, du warst es, die fort ging und mir den Rücken kehrte, ich war's, der dir die kalte Schulter zeigte, dich nicht länger beachtete, dich vergaß, ja begrub, wie Kreon dich begraben hat, lebendigen Leibes.

Wie konnte ich, was fiel mir ein, dich in eines der finsteren Felsengräber zu sperren, die sich in meinem Geiste türmen –, ich, der mit jugendlich heißem Herzen einst dir ewige Treue schwor? Ach, ich weiß es nicht, es war wohl einfach nur zu häufig von dir die Rede. Alle Welt führt deinen Namen ja im Munde. Schon auf der Schule lernt man ihn und die Geschichte, die er erzählt, auswendig; und wenn es des Sonntags eines Beispiels bedarf, den Leuten vor Augen zu führen, was das sei, Menschlichkeit, und woran diese sich beweise, dann ist es dein Name, der fällt. Da wandte ich mich ab, instinktiv, zog von dannen und vergaß, was uns verband.

Du aber, meine Liebste, meine Schwester, Antigone, du vergassest mich nicht. Unerwartet standest du da, plötzlich, da oben auf der Bühne, die Maske der Binoche vor dem Gesicht, und sprachst das Wort: »Nicht zum Hasse, zur Liebe bin ich.« Und dass es nicht Zeus gewesen, der dir auftrug, den Leichnam des Bruders unbestattet Hunden und Vögeln zum Fraß zu überlassen, noch Dike, die bei den unteren Göttern weilt und der Menschen Satzung Grenzen setzt. Sterbliche waren's, Sterbliche sind's, die das Gebot erliessen, die sich Gesetze geben, ja erfinden, unter deren Joch sie ächzend dann und froh und folgsam des Gemeinwesens Karren ziehen. Uns aber, Antigone, dünkte – du erinnerst dich an dein Wort –, es gäbe da ein Gesetz, das mächtiger ist als alle von Menschen erlassene Satzung. Nicht heut und gestern nur, nein, in Ewigkeit lebe dies, das ungeschriebene Gesetz der Götter, und keiner wisse, wann und woher es kam. Ihm haben wir uns verschworen.

Unlängst aber hörte ich eine sagen, nicht das Gesetz der Götter habe dich bewegt, Kreon die Stirn zu bieten und wider sein Gebot, Polyneikes, den Bruder, zu bestatten, nicht die Bande der Familie und der Sittlichkeit oder das, was man dir leichthin als Menschlichkeit nachgesagt –, nein, andere, wenn man wolle, »niedere« Motive hätten dich getrieben, über den Erlass des Onkels dich und das in Theben herrschende Recht hinwegzusetzen. Verfallen seist du dem Bruder, regelrecht besessen seist du von ihm gewesen, geliebt hättest du ihn, und das über alles menschliche und göttliche Maß hinaus. Nicht Treue, Leidenschaft sei es gewesen, die dich in den Aufruhr trieb, das Verlangen, dich mit dem Bruder zu paaren, wo nicht im Leben, so im Tod.

 

Unverhofftes Wiedersehen

 

Ach Antigone, du, meine Schwester, meine Liebste, die du als junges Mädchen so vieles bereits erfuhrst, die Alten haben recht: »Viel Ungeheures gibt es unter der Sonne, nichts aber ist ungeheurer als der Mensch.« Es reicht ihm nicht, sich den Himmel und die Erde, das Feuer und das Wasser untertan gemacht zu haben, nicht gibt er sich zufrieden, Geräte und allerlei Apparate zu fabrizieren und damit eine Welt, die ihm Komfort gewährt und Gewinn verspricht –, nein, nicht genug damit, jetzt ist er im Begriff, den Ungeheuerlichkeiten, die er im Laufe der Zeit verübt, die Krone aufzusetzen. Er ist dabei, das Feld der Sittlichkeit von Grund auf umzugraben und in eins damit das Reich des Geistes. Das Oberste wird nach unten gekehrt, das Unterste nach oben. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Dekonstruktion nennt er das, findig wie er ist.

Weh dem, der da die Ordnung der Dinge ehrt und der Götter schwurheilig Recht, nichts zählt der mehr dieser Tage; als Freund der Menschheit gilt nunmehr, wer mit dem Verruchten im Bunde steht, umsturzgewillt. Und du, Antigone, heißt es, seist eine der ihren –, keine Heilige also, keine Heldin, eine durch und durch prekäre Figur vielmehr, eine Agentin wechselnder Loyalitäten, Sprachrohr und Vorläuferin all derer, die sich bedingungslos der Lust verschrieben haben und dem, was sie, Sklaven, die sie sind, vorlaut der Menschheit als universelle Tugend anempfehlen: »promiskuitiven Gehorsam«.

Welt verkehrt, einmal mehr. Nicht länger stehst du da als tragische Gestalt, als eine, die, den festen Satzungen im Himmel treu, der Willkür Kreons trotzt und, sich in des Starrsinns Eifer verrennend, vom Verhängnis ereilt wird; heute führen sie dich vor, als seist du nichts weiter als eine Marionette. Als ob du eine von denen wärest, die, an unsichtbaren Fäden aufgehängt, splitternackt in der Arena stehen und auf ihren Auftritt warten, welcher Art dieser immer auch sei. – Ach, Antigone, ich bin es satt, mich zu empören und wider die Machenschaften derer ins Feld zu ziehen, die unser Geschlecht verraten. Es ist ja doch alles eitel, komisch obendrein, um nicht zu sagen äffisch. Am Ende bleibt es gleich.

Schön war es, dich wiederzusehen, Antigone, und sei es nur auf eine gute Stunde, barfuß, wie du da standest, auf wüstem Grund, schwarz gekleidet, das Haar im Wind, aufrecht und stolz noch im Angesicht des Verhängnisses, Antigone, du, blind, jäh umnachtet, meine Schwalbe, du, meine Schwester, meine Liebste, unter der Maske der Binoche erkannte ich dich auf den ersten Blick, ein glühend schwelender Stern in sterngleißender Nacht, meine Schwester, meine Liebste, du.

 

tado ink | 11.06.2015 | Kunstkammer
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