Eine Apologie der Nase

Nikolai Gogol zu Ehren

Es soll ja Leute geben, die der Meinung sind, die Nase sei das überflüssigste Organ auf Erden, auf dieses knollenartige Gebilde, das der liebe Gott uns da in seiner unendlichen Weisheit und Güte ins Gesicht gepflanzt hat, könne man als Bürger und Mensch gut und gern verzichten. Um Luft zu schnappen bräuchte man partout keine Nase, dazu hätten wir schließlich einen Mund, und was die Sondierung in der Luft hin und her schwirrender Düfte angeht, nun ja, auch darauf könnten sie gut und gern verzichten, der eine oder andere Wohlgeruch, der einem in die Nüstern steige, wiege bei weitem den Gestank nicht auf, mit dem man dank der Nase alle Nase lang belästigt werde. – O sancta simplicitas!

Dabei weiß doch ein jeder, dass beim Menschen ohne die Nase gar nichts läuft. Fragen sie nur einmal beim Kollegienassesor Kowaljow in St. Petersburg nach, der kann ihnen was darüber erzählen, wie das so ist, wenn man eines Morgens aufwacht und beim Blick in den Spiegel feststellen muss, dass einem über Nacht die Nase abhanden gekommen ist. Schier zum Verrücktwerden –, noch mal abgesehen davon, dass ein Gesicht ohne Nase sich im Spiegel nicht gerade vorteilhaft ausnimmt. Eine völlig plane Stelle, glatt wie ein Babypopo. Und das mitten im Gesicht. Ich bitte sie. Sie müssen sich das nur lebhaft genug vorstellen und sie werden mir recht geben. Schlimmer kann es ja doch gar nicht kommen, als fortan ohne Nase durch die Weltgeschichte zu trapsen. Nicht das geringste Gespür mehr, keine blasse Ahnung, was es mit den Dingen und Menschen, die ihnen tag für tag über den Weg laufen, auf sich hat, das wäre ihr Schicksal. Zustände, Situationen und Lagen – eins blind wie das andere, stumpf, leer, bar jeden Sinns. Sie wüssten ohne Nase wahrscheinlich nicht einmal mehr, wo oben und unten ist, vorn und hinten, links und rechts. Von wegen immer der Nase nach. Das läuft nicht mehr. Sie wären auch nicht mehr in der Lage, über dies und das die Nase zu rümpfen oder, wie es ja doch für gewöhnlich ihre Art ist, unter Leuten die Nase recht hoch zu tragen. Anderen immer eine Nasenlänge voraus – das können sie sich selbstverständlich auch abschminken.

Nun gut, zugegeben: sie können, sind sie ihrer Nase erst einmal ledig, natürlich auch nie wieder so richtig auf die Nase fallen, was zweifelsohne von Vorteil ist; es könnte sie auch nie wieder jemand so richtig schön an der Nase herumführen oder gar ihnen eins auf die Nase geben. Davor wären sie fortan gefeit. Es wird ihnen auch keiner mehr, was ja doch im Kreise der Liebsten gern passiert, noch länger auf der Nase herumtanzen. Weder die Frau Gemahlin, noch ihre Tochter, noch ihr Sohn. Gratuliere! Und doch, so viel kann ich ihnen versprechen, all das wiegt die Nachteile nicht im mindesten auf, die man sich mit dem Verlust der Nase einhandelt.

Sie werden, denken sie nur, nicht die geringste Lust mehr verspüren, ihre Nase in Dinge zu stecken, die sie nichts angehen, sie haben ja keine mehr. Gerade mal schauen, was angesagt ist, was nicht, die Nase kurz in den Wind halten, sie im Wind haben? Vergessen sie's. Zum Trost einen heben und die Nase tief ins Glas stecken? Können sie ebenfalls vergessen, aus besagtem Grund. Sie werden die Nase nie wieder von etwas gestrichen voll haben, nie wieder auch werden sie in der Lage sein, jemanden eine lange Nase zu drehen. Fortan werden sie ausserstande sein, sich bei Gelegenheit selbst an die Nase zu fassen, was bekanntlich nicht schadet. Stichwort »Selbstbesinnung«. Auch 'ne goldene Nase werden sie sich in ihrem Leben nicht ein einziges Mal mehr verdienen; da können sie anstellen, was sie wollen, dazu benötigt man nämlich zuerst und vor allem 'ne eigene Nase. Und was das allerschlimmste ist, was zu erwähnen ich bislang vergass: ihnen wird zudem nie wieder, in welchen Winkel sie immer hocken, das göttliche Vergnügen zuteil, mit dem Finger in der Nase herum zu fuhrwerken, um aus einer ihrer Höhlen den einen oder anderen Popel zu pulen, am besten gut abgehangen, versteht sich. Nie wieder! Ermessen sie nur, was das bedeutet.

 

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tado ink | 31.03.2012 | Stichijows Papiere
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