Von der freiwilligen Knechtschaft

Nach Étienne de La Boëtie (und Gustav Landauer)

O ihr armen, elenden Menschen, ihr unsinnigen Völker, ihr Nationen, die ihr auf euer Unglück versessen und für euer Heil mit Blindheit geschlagen seid, ihr lasst euch das schönste Stück eures Einkommens wegholen, eure Konten plündern, eure Häuser berauben und das reiche Erbe eurer Väter stehlen!

Ihr lebt dergestalt, dass ihr getrost sagen könnt, im Grunde gehöre euch nichts; ein großes Glück dünkt es euch, eure Güter, eure Familie, euer Leben wenigstens zur Hälfte euer Eigen zu nennen; und all dieser Schaden, dieser Jammer, diese Verwüstung geschieht euch nicht von irgendwelchen Feinden, sondern wahrlich von dem Feinde – den, den ihr groß gemacht und weiter groß haltet, wie er ist, für den ihr so tapfer in den Krieg zieht, für dessen Größe ihr euch nicht weigert, eure Leiber dem Tod hinzuhalten. Von was ich rede? Vom Staat. Was aber ist der Staat? Nichts! wenn ihr ihm nicht Gewalt über euch eingeräumt hättet. Alles, was der Staat vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnt, damit er euch verdirbt. Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht liehet? Wieso hat er so viele Hände, euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch bekäme? Die Füße, mit denen er eure Städte niedertritt, woher hat er sie, wenn es nicht eure sind? Wie hat er irgend Gewalt über euch, wenn nicht durch euch selber? Wie möchte er sich unterstehen, euch zu knechten, wenn er nicht mit euch im Bunde stünde? Was könnte er euch tun, wenn ihr nicht die Hehler eben des Spitzbuben wäret, der euch ausraubt, die Spießgesellen des Mörders, der euch tötet, und Verräter an euch selbst?

 

Von der freiwilligen Knechtschaft

 

Ihr säet eure Früchte, auf dass der Staat sie verschleudere; ihr stattet eure Häuser aus und füllet die Scheunen, damit er stets etwas zu stehlen findet; ihr zieht eure Töchter groß, damit er der Wollust frönen kann; ihr nährt eure Kinder, damit der Staat sie verdirbt, so viel er nur kann, ob er sie auf Schule und Universität in die Streckbank steckt oder aber sie auf die Schlachtbank führt, in den Krieg; sie zu Gesellen seiner Verschwendungssucht machend, zu Vollstreckern seiner Rachegelüste; ihr rackert euch zu Schanden, damit er das Geld zum Fenster hinauswerfen und sich in seinen Lügen räkeln und in seinen gemeinen und schmutzigen Gelüsten wälzen kann; ihr macht euch klein, um ihn größer und stärker zu machen, damit er euch kurz im Zügel hält: und von so viel Schmach und Schande, dass sogar das Vieh sie entweder nicht spürte, oder aber nicht ertrüge, könnt ihr euch frei machen, wenn ihr es wagt, nicht euch zu befreien, sondern nur es zu wollen. Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei. Ich will nicht, dass ihr ihn verjaget oder vom Throne werfet; aber stützt ihn nur nicht; und ihr sollt sehen, dass der Staat, wie ein riesiger Koloss, dem man das Fundament nimmt, in seiner eigenen Schwere zusammenbricht und in Stücke geht.

 

tado ink | 12.01.2013 | Stichijows Papiere
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