Von der Schweiz aus

Imre Kert├ęsz

Das überwältigend reiche Basler Kunstmuseum; vor dem Theater ein Brunnen mit Mobile, kataton oder manisch sich bewegende wasserspeiende, wassergießende, im Wasser sich drehende Apparate, ein niederschmetternder Anblick; das Restaurant mit Rheinterrasse, der geschickt kaschierte Hedonismus, der bedrohliche Reichtum. Dieser Reichtum – das sieht man auf Schritt und Tritt – wird sich verteidigen. Die kunterbunte rempelnde Menschenmenge um mich herum wird ihn verteidigen, weil sie nur so in den Genuß der von ihm fallen gelassenen Brosamen kommen kann – herbeigeströmte Nomaden, deren Präsenz in dieser zurückhaltend-eleganten Stadt unterschwellig überall spürbar ist, wie die von Algen unter einem glitzernden Wasserspiegel.

Ein Brief von Cioran an Dieter Schlesak gerät mir in die Hände: «Für den Westen ist der Tag unvermeidlich, da seine Fremdarbeiter über ihn herrschen werden. Die Zukunft gehört immer den Sklaven und den Einwanderern ...» Ganz Westeuropa hat sich auf die Verteidigung eingestellt, mit seinen nach Osten vorgeschobenen Wachposten, den Österreichern. Aber nie taucht die Frage auf, was es denn außer Geld noch zu verteidigen gebe (etwa die westliche Kultur, die schon lange nicht mehr existiert?); auch schaden die Methoden der Verteidigung den Überresten der westlichen Demokratie mehr, als daß sie ihr wirksamen Schutz bieten. Westeuropas klaustrophobische Angst läßt Adolf Hitler wiederauferstehen, mithin den Superioritätswahn der Inferioren. Wieder werden die Besitzer von Geld und Macht, um zu retten, was es zu retten gibt, die vollkommene Zerstörung der Gesellschaft billigen und schließlich um den Preis eines neuen Totalitarismus sowie neuer gesellschaftlicher Katastrophen davonkommen; doch was für ein Davonkommen, was für ein Totalitarismus wird das sein? Wer wird behaupten können, diese drohenden Ideologien verfügten über ein Ideal, über etwas, das nicht bereits ausprobiert, nicht bereits durchgespielt worden wäre?

 

Von der Schweiz aus

Kneeb Wenedikt Kommandor: Apokalypse | 2017

 

Es fällt mir eine (diesmal trockene und milde) Nacht in Solothurn ein, die zufällige Begegnung mit einem Schweizer Schriftsteller; er führte mich über einen märchenhaften Platz in eine märchenhafte Kneipe und erklärte mir in dieser märchenhaften Sieben-Zwerge-Umgebung mit vor Beschwipstheit leicht schiefem Mund und mit angsterfüllten Augen, daß bald der Faschismus siegen und überall regieren würde, doch käme er diesmal nicht aus Deutschland ... Etwa eine halbe Stunde lang sprach er so, tief verbittert, und ich teilte seine Meinung voll und ganz. Dann machten wir, eine Gruppe von vier nomadischen Schriftstellern, einen ausgedehnten Spaziergang in der lauen Nacht, zwischen Solothurns unwahrscheinlichen Kulissen, was den Schweizer endgültig aufbrachte: Hinter den Fassaden dieser mittelalterlichen, barocken und Rokoko-Häuschen wohne niemand, erklärte er, weil die Wohnungen unbezahlbar seien, hier gebe es nur Büros, Banken, Vertretungen von millionenschweren Firmen ... Ich hatte den Eindruck, die Welt sieche bereits in Lüge dahin, sie warte nur noch auf den Gnadenstoß, den sie jedoch durch Bestechung mittels gigantischer Geldwäsche und durch verworrene Gesten und Reden im letzten Augenblick abgewendet habe beziehungsweise ständig hinauszögere. Aber wenn sie einmal, ein einziges Mal nicht mehr zahlen kann ...

 

 

[Imre Kertész: Ich – ein anderer, Berlin 1998, S. 119ff.]

tado ink | 18.09.2017 | Stichijows Papiere
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