Vor Ypern (hundert Jahre danach)

Wolfgang Lange

Wieder zurück aus Belgien, sitze ich am Schreibtisch und weiß nicht recht, was ich mit mir anfangen soll. Draußen regnet es, und das in einem fort; vom Atlantik schiebt sich eine Regenfront nach der anderen über Mitteleuropa hinweg. Gestaffelt. Schauer. Also Flandern, verlieren wir zunächst ein paar Worte über Flandern. Als Fingerübung. Sage ich mir.

 

Überraschend zuerst und vor allem: Flandern ist keineswegs so flach, wie ich es mir in Erinnerung an Jacques Brel (»Mijn vlakke Land«) vorgestellt hatte. Von den Poldern einmal abgesehen, die sich längst der Kanalküste erstrecken und in der Tat platt wie Pfannkuchen daliegen, bewegt man sich in einer Landschaft, die ausschaut, als ob sie, über Jahrhunderte gestaucht worden wäre, von der stetig rollenden Nordseebrandung oder aber durch Artilleriesalven. Malträtiert. Stöße. Es geht auf und ab, hier eine kleine Anhöhe, dort eine Senke; es gibt sanfte Hügel und unscheinbare Täler –, ähnlich dem Ravensberger Land, wo ich zu Hause bin.

Und wie das Ravensberger Land, nur nicht ganz so dicht, ist auch Flandern mit vielen allein stehenden Gehöften durchsetzt, dazu Dörfer und Kleinstädte, die sich wie im Fall von Gent, Brügge oder Oostende zu formidablen Metropolen auswachsen. Im Kleinen, versteht sich. – Nichts Neues im Westen also, könnte ich schreiben, wären da nicht die ungezählten schnurrstracks durchs Land ziehenden, von alten Eichen prächtig gesäumten Kanäle und dazwischen ein Fluß, der aus Frankreich kommt. Einige nennen ihn Lys, andere die Leie. So was haben wir im Ravensberger Land nicht.

Quartier bezogen hatte ich auf einem Gehöft am Rande von Moorslede, einem flämischen Städtchen vor Ypern. Einst, im »Großen Krieg«, ein Frontdorf, ist Moorslede inzwischen zu einer wohlhabenden Gemeinde aufgeblüht. Inmitten des Westhoek. Vom Fenster im Stall aus, an dem ich bisweilen eine Zigarette rauchte, blickte ich auf den Nachbarhof. Er liegt auf einer Anhöhe, gegenüber, gut verborgen und geschützt durch eine Reihe von Pappeln, den Zypressen des Nordens, die vor dem Herrenhaus aufgepflanzt stehen. Gegen Osten. Es kam mir vor, als hörte ich die Blätter der Pappeln im Wind rauschen. Auf den Weiden oben grasten Pferde, unten, auf den Wegen und Straßen glotzten Kühe mich an, wenn ich mit dem Fahrrad an ihnen vorüber rauschte. Ohne mit dem Kauen innezuhalten. Tagein, tagaus. Was für ein Leben.

Am Himmel schweres Gewölk, durch das die Sonne bricht. So war und ist Flandern. Blühende Kartoffelfelder, Kohl, Mais und Weizen. Fleissige Menschen, von Außen betrachtet nicht gerade attraktiv. Gedrungene Körper, kaum hübsche Gesichter. Ab und an stinkt es auch, fährt man über's Land. Schweinemast! Vom Winde verweht. Pauvre Belgique!?

 

Vor Ypern (hundert Jahre danach)

Kneeb Wenedikt Kommandor: Schwarze Madonna | 2017

 

Armes Belgien. Reiches Belgien. Wir aber – alles vergessen, oder so gut wie, verlogen erinnert vielmehr, dachte ich: die Schlacht von Langemarck und die von Paschendaele, die Ruinen von Diksmuide, der Stellungskrieg im Morast vor Ypern. Eine sorgsam vernähte Wunde an der Flanke Europas –, eine, die nicht verheilt, schwärt, in den Köpfen einiger mindestens. Die Schlachtfelder von 14/18, Frontgebiet –, ein, wenn nicht der Totenacker der alten Welt –, nowadays ein Freizeitpark, eingerichtet für britische Touristen, um den Ahnen Respekt zu erweisen. Eine Verbeugung vor den Gefallenen. Opferdienst. Gut so. Es gibt Soldatenfriedhöfe, auf deren Gräber man kleine hölzerne, mit einer künstlichen Mohnblüte versehene, Kreuze steckt – »In Flanders fields the poppies blow...« –, es gibt Schützengräben und Unterstände, um Geschichte »hautnah zu erleben«, es gibt Museen und ein Monument, der mächtige Torbogen von Ypern. Jeden Abend Punkt Acht erklingt unter seiner Kuppel erneut der Zapfenstreich, dazu wird die Lebensgeschichte von einem der vielen verlesen, die vor Ypern fielen. Ein Zapfenstreich für die Seelen all jener, deren Leiber auf dem Felde der Ehre verschollen sind, die für das Britische Empire im Namen der Freiheit ihr Leben liessen, deren Korpus aber nie gefunden wurde, pulverisiert im Schützengraben oder dazwischen, im Niemandsland. Kanadier, Australier, Inder und weiß der Himmel wer sonst noch.

In Langemarck aber, wo die Deutschen ruhen, ist es still, kein Mensch, der sich dorthin verirrt, oder so gut wie keiner. Gepflegt, aber vergessen. So gut wie vergessen. Oder? Unter Eichen liegen sie dort, in deren Schatten haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden, die Studenten von Langemarck, all die, von denen es heißt, sie hätten im Herbst 1914 das Deutschlandlied gesungen, da sie die feindliche Stellung stürmten. »Und wieder von drüben mit Heulen und Krachen flammt der Tod aus tausend Rachen. „Richtung das Dorf dort!" – – Schneidend gellt das bekannte Kommando weit übers Feld – „Schwärmen!" – „Stellung!" – „Sprung auf!" – Und dann mit Hurra zum Nahkampf, Mann gegen Mann! Stirn gegen Stirn, Brust gegen Brust, in wilder jauchzender Kampfeslust!« Studenten, kaum grün hinter den Ohren, die Studenten von Langemarck. Vormals eine Legende, heutigentags so gut wie vergessen. Von der Gesellschaft jedenfalls, vom Staat. Geheimes Deutschland, verreckt. Tausende, ja abertausende deutscher Soldaten, viele mit Namen verzeichnet, einige unbekannt, hier liegen sie, verwaist und vergessen. Auf einem Friedhof, der einer Festung gleicht, von einem Graben umgeben, mit Bunkern am Rand und steinernen Kreuzen in der Mitte. »Der Tod kann Rappen und Schimmel reiten. Der Tod kann lächelnd im Tanze schreiten. Er trommelt laut, er trommelt fein: Gestorben, gestorben, gestorben muß sein.«

Gott erbarme sich der toten Seelen von Flandern, dachte ich. Im Gästebuch fanden sich ausschließlich englische Einträge. Ich schrieb: »Für all die, derer zu Hause kaum einer mehr gedenkt.« Dann verließ ich schweren Herzens den Ort und machte mich auf, dorthin zurückzukehren, wo ich zu Hause bin, in das Land meiner Väter, ins Ravensberger Land. Ob es den Namen noch verdient, den es trägt? Wer weiß? Raben gibt es, so weit ich sehe, keine mehr auf unseren Bergen, – Krähen höchstens und Dohlen. Wie war das noch gleich mit Widukind?

 

tado ink | 27.07.2017 | Frontberichte
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