Vorfrühling

Hugo von Hofmannsthal

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelt nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder
Die atmend glühten. 

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft;
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.

 

Vorfrühling

Kneeb Wenedikt Kommandor: Leberblümchen auf dem Jakobsberg | 2018

 

[Hugo von Hofmannsthal: Die Gedichte und kleinen Dramen (1911), Leipzig 1922, p. 4f.]

tado ink | 06.04.2018 | Stichijows Papiere
comments powered by Disqus