Was tun?

16. November 1712

Fortdauernd prächtiges Wetter, der Wind kommt sacht und stetig aus östlicher Richtung, wir halten Kurs auf dem Mid Atlantic Ridge. Im Moment geht es gen Süden, wir befinden uns einmal mehr kurz vor dem Wendekreis des Krebses. 45. Längen-, 272. Breitengrad, Nördliche Halbkugel, um exakt zu sein. Sobald der Krebs im Netz ist, werden wir wenden und dann ohne Unterlass auf den Norden zuhalten, an Neufundland vorbei, auf Grönland zu. So der Plan.

Ausgeheckt und abgesegnet wurde er gestern Abend in der Messe. Es gab eine längere Unterredung; sie war der Frage »Was tun?» gewidmet, genauer, wie wir es mit dem über uns verhängen Moratorium halten sollen, ob es zu akzeptieren sei oder aber nicht. Commander Cyborg 7.7 und Fähnrich Muse Not Amused waren entschuldigt; sie hängen weiter in ihrem selbstauferlegten Dämmer ab (aber nicht mehr lange, soviel verspreche ich); ansonsten aber war der Offiziersstab vollständig versammelt. Florence & the Machine war da, Dr. Fritz Wehefritz, unser Mediziner, Amandus von N., der Steuermann, David Séchard, seines Zeichen Nachrichtenoffizier, Bootsmann Conrad und meine Wenigkeit.

Séchard hatte mich gebeten, die Besprechung anzusetzen. So ginge es nicht weiter, wetterte er, als er mir vor ein paar Tagen über den Weg lief, die Lage sei unerträglich, es müsse umgehend etwas geschehen. Wenn ich nicht dazu bereit sei, dann ... Wir könnten schließlich nicht ewig über diesem verdammten Riff den Atlantik hoch und runter gondeln und zwischendurch Nachrichten in die Welt schicken, auf die so gut wie keiner achtet. »Tropic of the cancer vor und zurück«, säuselte er, wobei er den Terminus entschieden französisch betonte: Troopique oof thee kaancér. Und dabei lachte.

Ich hatte der von Séchard ausgemalten Einschätzung der Lage nichts entgegenzusetzen, höchstens dass er sie ein wenig zu theatralisch vorbrachte. Im Grunde meines Herzens teilte ich sie. Also war ich seinem Wunsch auf der Stelle nachgekommen und hatte die Offiziere gebeten, sich den Sonntagabend für ein dringend nötiges Gespräch freizuhalten. Es werde dabei, fügte ich hinzu, einzig und allein um die Konsequenzen gehen, die sich an Bord aus dem Moratorium ergeben, das über die Hesperus-Expedition verhängt worden war. Und ich war überrascht, wie konzentriert und intensiv das Stabsgespräch verlief. Selbst Florence, sonst stets für eine Überraschung gut, riss sich zusammen; sie ließ es gar nicht erst soweit kommen, sich auf irgend etwas zu versteifen, das ihr im Sinn lag, aber rein gar nichts mit dem zu tun gehabt hätte, worum es an diesem Abend gehen sollte und ging, die Frage: Was tun?

 

Was tun?

Montague Dawson: Crescent Moon | 20. Jahrhundert

 

Séchard hatte das erste Wort, er redete, wie ich ihm geraten hatte, nicht lange um den heißen Brei herum, kam vielmehr flugs zur Sache. Er müsse, hob er an, nicht eigens über die Situation an Bord sprechen; dass diese desolat sei, stünde jedem krass vor Augen. Die Stimmung sei miserabel, bedrückend geradezu, wenn er sich mit einem der Matrosen unterhalte, die Atmosphäre auf der Mortobello entsprechend trübe. Ein jeder, so schien es ihm, warte nur auf den Augenblick, da der Befehl komme, alles Nötige für die Heimreise vorzubereiten und die Expedition abzubrechen. Die seit der Abreise aus London gehegte Hoffnung, einst Hesperus, das sagenumwobene Eiland am Rande der Welt zu erreichen, diese Hoffnung, so wenigstens sein Eindruck, sei so gut wie verflogen. Und weshalb? so Séchard, leicht erzürnt in die Runde blickend. Wieso? Aufgrund einer Entscheidung, die nachzuvollziehen wahrscheinlich nicht einmal diejenigen in der Lage seien, die sie gefällt hätten. Es handle sich übrigens, fuhr er fort, längst nicht mehr um ein Moratorium. Dieses sei vielmehr stillschweigend begraben und, wie er aus zuverlässigen Quellen wisse, durch einen Plan ersetzt worden, der das Schlimmste befürchten liesse. Nicht allein auf den Fluren, im Kabinett selbst werde bereits offen über ein Projekt gesprochen, dessen Grundzüge vom wissenschaftlichen Beirat der Regierung ausgeheckt worden seien und nicht nur das Aus für die Hesperus-Expedition bedeute. Allerorten sei nur noch von der »Großen Transformation« die Rede, dem Masterplan und einzigen Weg, der noch bliebe, um der Krise Herr zu werden. Einmal mehr, so Séchard, träume man in der Kapitale den Traum, den Mao Tse-tung bereits geträumt habe, den Traum vom »Großen Sprung«, als ob sich vom Reißbrett aus so etwas wie eine Epochenwende konstruieren, die Welt und der Mensch vom Scheitel bis zur Sohle ummodellieren liesse. Was für ein Irrwitz, so Séchard, welch ein Wahnsinn. Alles müsse anders werden, hiesse es, nicht nur die Produktions- und Konsumgewohnheiten müssten von Grund auf umgekrempelt werden, sondern auch die Anreizsysteme, politischen Institutionen, normativen Maximen und Wissenschaftssysteme (allen voran die Wirtschaftswissenschaften). Dass ich nicht lache. Am Ende ist zwei mal zwei gleich fünf, der Osten nicht mehr der Osten, sondern der Westen, und der Rückfall in die Steinzeit wird als Selbstmodernisierung der Menschheit im globalen Stil deklariert. – Ach, wenn die Philosophen an der Macht wären...

Er, Séchard, müsse in dieser Runde wohl nicht daran erinnern, worauf ein derartiges von Wissenschaftlern und Intellektuellen initiiertes, unter der Obhut des »gestaltenden Staat« veranstaltetes Unternehmen in China hinausgelaufen sei. Es reiche, ihm reiche es. Er, Séchard, jedenfalls fühle sich dem Eid, den er bei Antritt der Expedition abgelegt habe, nicht länger mehr verpflichtet. Die Gesellschaft könne ihn mal. Wenn die politische Elite dem Wahn verfalle, angesichts einer derart dubiosen Größe wie Klimawandel gäbe es keine Alternative, als Zentraleuropa von Grund auf umzukrempeln, wohlan, wohlauf. Sollen sie das Land doch in eine gigantische Baustelle verwandeln, alles in Schutt und Asche legen, um was Neues zu schaffen. Was gehe uns das an. Secession, er, Séchard plädiere dafür, sich umgehend abzuspalten. Das Unternehmen »Hesperus« könne man schließlich auf eigene Faust fortsetzen. Wer den Westen als Orientierungspol verrate und die Freiheit des einzelnen mit Füßen trete, der könne nicht damit rechnen, dass man ihm auf der Mortobello Gehorsam leistet. Mit Meuterei habe das nichts zu tun. Secession, so Séchard, Secession sei das Gebot der Stunde. Wir koppeln uns einfach sanft ab und segeln über das Mid Atlantic Ridge hinaus nach Norden, immer nach Norden, direkt auf Hesperus zu

Es gab den einen oder anderen Einwand, aber keine Widerrede. Amandus von N. merkte an, es könne jenseits des Riffs ohne Kontakt zur Basisstation durchaus zu Schwierigkeiten bei der Navigation kommen –, abgesehen noch von dem Umstand, dass das Ganze für ihn eine Meuterei sei und bleibe. Wie immer man es nennt. Man solle sich da ja nichts vormachen. Und wenn schon, warf Florence ein. Es gebe eben Situationen, in denen man Rückrat zeigen müsse, Zivilcourage. No risk, no fun. Dabei schien es mir, als ob sie leise kicherte. Bootsmann Conrad gab zu bedenken, es sei keineswegs ausgemacht, dass alle aus der Mannschaft bereit seien, sich auf ein Abenteuer einzulassen, das eines ohne Ende zu werden verspreche. Einige hätten schließlich Familie. Wehefritz, unser Mann für alle Fälle, widersprach; er glaube das nicht, die Leute warteten nur darauf, dass etwas geschehe, egal was. Nach seiner Überzeugung gierte die Mannschaft geradezu danach, den Befehl zum Aufbruch zu erhalten. Wohin die Reise auch immer gehe. Sobald eine Entscheidung gefallen und von der Brücke aus verkündet worden sei, werde es an Bord niemanden geben, der sich welchen Befehlen auch immer widersetzt. Da sei er sich hundert Prozent sicher.

Die Abstimmung fiel eindeutig aus. Auf gen Norden! Secession. So die Losung.

tado ink | 16.11.2011 | Logbuch
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