Weit unter Null

7./8. Februar 1697

Wir kommen kaum voran, halten aber, wenn ich dem Kompass trauen darf, Kurs. Es geht nach Norden, immer nach Norden. Die Uhr zeigt 4:58 in der Früh, die Küste Neufundlands ist lange nicht in Sicht. Ich frage mich wieder einmal, ob an Bord alles mit rechten Dingen zugeht. Erneut beschleicht mich der Verdacht, es spukt gewaltig auf der Mortobello.

Ich komme der Sache allerdings nicht auf den Grund. Mal spinnt die Zeit und es scheint, als ob wir mit der Mortobello unversehens von einem Jahrhundert ins nächste springen, zwischen ihnen driften, je nachdem, im Moment stimmt etwas mit den Raumkoordinaten nicht. Obwohl wir reichlich Fahrt aufgenommen haben, segeln wir, den Instrumenten zufolge, seit Wochen auf ein und derselben Stelle. Es geht nicht vor, es geht nicht zurück. Und es gibt niemand im Stab, der in der Lage ist, mir das Phänomen zu erklären. Selbst Cyborg 7.7, der doch sonst alles weiß und den ich damit beauftragt habe, schnellsten herauszufinden, was es mit dieser unserer Fahrt im Stillstand auf sich hat, zuckt nur mit den Schultern, wenn ich ihn darauf anspreche. Ansonsten keine weiteren Vorkommnisse.

Des Nachts vertreibe ich mir die Zeit damit, in alten Papieren zu blättern. Mal sind es die Aufzeichnungen Stichijows, die ich hervorkrame und mit Vergnügen lese, mal sind es die Logbücher der Mortobello. Unlängst stieß ich auf eine Kiste, bis obenhin gefüllt mit Briefen, Postkarten und Fotos. Bruchstücke einer Familiengeschichte, wie ich schnell herausfand, Überbleibsel oder Relikte aus dem Besitz eines Vorgängers von mir, eines gewissen J.C.L. Er war 1644/45 für kurze Zeit Kapitän auf der Mortobello, wie ich schnell herausfand. Eine üble Periode, Krieg zu Lande, zu Wasser und zu Luft. Kurz vor dem Ende der großen Schlachten, von denen die Erde zitterte, fand er sich mit dem Schiff und der Mannschaft eingeschnürt in einem Kessel, umzingelt von feindlichen Verbänden. Wie er aus dem Kessel rausgekommen ist, weiß ich nicht, aber er hat es geschafft. Kleinmachen, sich ducken, wegtauchen, schätze ich. Und dann die Kapitulation, Gefangenenlager. Im Vergleich dazu ist das, was wir hier treiben, bloß ein Kinderspiel. Wenn ich es recht sehe, hatte Kapitän J.C.L. sechs Brüder. Ein jeder von ihnen war wie er auch, die meisten früher, einer später, singend in den Krieg gezogen, aber nur fünf der Brüder kehrten aus ihm zurück. Einer starb an der Westfront, die Spur des anderen verliert sich auf dem Rückzug der Truppen aus dem Osten. Die, die das Glück hatten, den »Endkampf« zu überleben, kehrten als Verlierer heim, geschlagene, verwundete, gedemütigte »Hunde«, die Mühe hatten, wieder Geschmack an dem zu finden, was man so Leben nennt. Es hätte schlimmer kommen können.

 

Weit unter Null

Utagawe Hiroshige: Eule auf einem Ahornzweig im Vollmond | 1832/33

 

Ein Kauz, der jäh aus der Finsternis bricht,

im Flug sich dreht und auf die Beute stürzt.

 

Eine Nacht, durch die der Vollmond geht,

vor ihm im Wind die Wolken.

 

Ein Hospital, in dem ich meinen Vater find,

aschfahl das Lid bereits und ohne Seele.

 

Ein Hase, der die Löffel spitzt, weg flitzt, nah,

zu nah – Fernlicht auf einer Strasse im Norden.

 

/ 10. Januar 2012 /

tado ink | 08.02.2012 | Logbuch
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