Weiter so, nur weiter

Prosa

Weiter so, nur weiter. Sie machen einfach so weiter. Die Regierung macht genau da weiter, wo sie vor einiger Zeit aufgehört hat, das Parlament zieht nach (was sonst?), Ministerien und Behörden selbredend auch. NGO's machen so weiter, Presse und Medien, Hörfunk und Fernsehen inklusive, ob öffentlich-rechtlich oder aber privat. Die Gerichte machen weiter so wie bisher, Anwaltskanzleien und Beratungsstellen schließen sich dem an, wie Polizei- und Sicherheitsdienste, wie Länder, Kreise und Kommunen. Alle machen so weiter, die, Land- und Bauwirtschaft, das Gewerbe, die Industrie, Hospitäler und Heilanstalten – wer macht nicht so weiter? Alle machen einfach so weiter.

An den Schaltern der Banken wechseln Noten unaufhörlich den Besitzer, auf den Märkten blühen die Geschäfte (oder aber auch nicht). Der Alltag ist bestens geregelt. Am Abend werden die Mülltonnen an die Straße gestellt, frühmorgens findet man sie sauber entleert wieder. Nur der Radiowecker geht seit kurzem sechs Minuten nach. Wie das?

Auf den Straßen und Plätzen hat sich auch nicht allzuviel verändert. es geht wie immer zu, jede Menge los, auf der Straße, in der Luft und auf der Schiene. Sobald eine der Ampeln auf Rot springt, stoppt der Verkehr, bei Grün geht es zügig weiter. Was stört sind die vielen Baustellen im Land. Aber weiter so, immer weiter.

Mütter oder aber auch Väter liefern ihre Kleinen frühmorgens der Kita aus oder bringen sie in den Kindergarten; vereinzelt oder in Gruppen sieht man Schüler in den Unterricht trotten, die meisten sind mit dem SUV zur Schule gebracht worden (von meinem Küchenfenster aus gesehen); Studenten und Professoren langweilen sich wechselseitig wie eh und je zu Tode. Sie hören nicht auf damit, können nicht anders, machen einfach so weiter, weiter wie bisher.

Wenn es nur sie wären –, aber nein, nicht nur sie, alle machen einfach so weiter, tun so, als ob nichts geschehen, nichts passiert wäre, als ob sich nichts ereignet hätte, das Anlass gibt, auf der Stelle inne zu halten, eine Pause einzulegen (und das jetzt, sofort –), und sei es nur, um mal kurz und scharf nachzudenken. Aber nein! Nein doch! Alle machen so weiter, alle machen einfach so weiter wie bisher. Keiner tritt auf die Bremse, niemand stellt den Motor ab. Zigarettenpausen sind auf Weisung des Betriebsrates seit langem schon untersagt. Ergo: weiter so, nur weiter. Arbeiter und Angestellte machen so weiter, das Management und die Aufsichtsräte in der Regel auch (wer wird denn da Millionär?). Es geht weiter, wie gesagt, es geht einfach immer so weiter.

An allen Ecken und Enden schrillen die Alarmglocken, Sirenen heulen jede Stunde auf, aber kaum einer achtet ihrer. Alle tun so, als hätten sie nichts gehört, als sei da nichts gewesen. – Von Deutschland aus betrachtet: Alles gut? fragen sie einander. Alles gut! versichert einer rasch dem anderen. Und geht seines Weges.

Dabei! knirscht es nicht im Gebälk? werden die Risse im Fundament nicht von Tag zu Tag größer? Sind nicht des Nachts seltsame Geräusche im Keller und auf dem Dachboden zu hören? Aber nein doch! Da ist nichts. Es ist alles zum Besten bestellt. Wir machen weiter, einfach so weiter. Wir hören nichts, wir sehen nichts, geschweige denn, daß wir den Gestank wahrnähmen, der durch die Ritzen bricht und aus den Löchern steigt, die die frisch tapezierten Wände unseres Gemeinwesens zieren. Schönes neues Deutschland.

 

Weiter so, nur weiter

Kneeb Wenedikt Kommandor: »nun sind sie halt da« | 2018

 

Sprechen wir nicht drüber. Überflüssig, einen Gedanken darauf zu verwenden. Wozu? Keine Zeit inne zu halten, Geschichte wird gemacht. Verantwortlich ist da keiner. Wir quatschen. Das reicht. Wir reden dies, wir reden das, wir führen derart viele Reden im Mund, daß manchem speiübel davon wird. Tut es aber nicht. Am Ende tut es das nicht. Was schert uns Kassandra? Was wir ansprechen, ist nicht der Rede wert. Deshalb sprechen wir es ja an. Schließlich muß es da doch jemanden geben, der all die Dinge anspricht, die nicht weiter der Rede wert sind, sie adressiert, wie es so schön heißt –, all die Dinge, über die man eigentlich gar nicht reden müsste, da von ihnen dauernd schon die Rede ist. Verstanden? Und weshalb sprechen wir sie an? Damit all das ungesagt bleibt, worüber eigentlich zu reden wäre. Jetzt! Aber nein, darüber reden wir nicht, auf keinen Fall werden wir darüber reden. Schließlich muß es weiter gehen, irgendwie, irgendwo, irgendwann –, genau, damit es weiter geht. Immer schön so weiter. Nur weiter so. Es geht weiter, ein jeder macht einfach so weiter, damit es genauso weiter geht wie bisher.

 

tado ink | 12.03.2018 | Logbuch
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