Wie schön frischer Schnee doch ist

27. Januar 2014

Die Lage? Wie gehabt, wir liegen vor Neufundland und nicht, wie böse Zungen behaupten, in einer Mulde am Fuße des Teutoburger Waldes, genauer befinden wir uns am Flämischen Kap oder an der Flämischen Kappe: 44 Grad 10' nördlicher Breite, 66 Grad 2' westlicher Länge. Hier, wo die kalten Wasser des Labradorstroms auf die warmen des Golfes treffen, ist ein Jahr wie ein Tag. Die Zeit nimmt ihren Lauf wie die Schnecke ihren Gang im Weinberg des Herrn. Wir drehen uns im Kreise, treiben in einer Strömung, die uns in einem fort an Punkte führt, die wir vor einiger Zeit bereits passiert haben. Was schön ist. Die Triebwerke sind abgeschaltet, die Segel eingeholt. Wir kreisen und kreisen und kreisen ...

Auf der Reling hat sich eine fette Schicht von Schnee gebildet. Wie feinster Puderzucker. Über Nacht. Was sich an Land oder in der Welt ereignet, kümmert uns hier draußen wenig. Das Wetter ist annehmbar, ziemlich stabil, kein Sturm in Sicht. Wir haben zu tun. Die Mannschaft ist damit beschäftigt, die Mortobello in Schuss zu halten und sich nebenher zu amüsieren. Cyborg 7.7 hat, wie er berichtet, im Kontrollzentrum ein neues Betriebssystem installiert, das um etliches schneller ist als das alte. Wehefritz, unser Doktor, langweilt sich zu Tode; es scheint, als ob an Bord alle wohlauf sind. Amadeus von N. wechselt sich mit Conrad am Steuerrad ab, von Florence wird erzählt, sie inspiziere tagaus tagein die Maschinen und stimme dabei einen ihrer bizarren Choräle an. Séchard, zuverlässig wie eh und je, arbeitet mir bei meinen Recherchen zu, Hawkins, der Schiffsjunge, ist mächtig stolz darauf Blackbeard, dem Kater, beigebracht zu haben, wie man auch bei stürmischer See auf der Schulter eines Jungen hocken bleibt. Muse Not Amused schließlich kommt des Abends unregelmäßig zwar, aber immer wieder mal für einen Plausch auf Besuch –, und was meine Wenigkeit anlangt, ich schreibe weiter am »Toteiskessel«, einem Dossier über Deutschland, das bis auf weiteres geheim bleibt. Ist besser so.

 

Wie schön frischer Schnee doch ist

Stradanus von Antwerpen: Ein Geograph | frühes 16. Jahrhundert

 

 

tado ink | 27.01.2014 | Logbuch
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