Zurück aus dem Süden

Erinnerungen

Das Erste, was ich von Deutschland sah, als ich in der Frühe meine Augen aufschlug, war Nebel, Dunkelheit und Nebel, in die das Licht der Scheinwerfer fuhr, nur um nach einigen Metern an der Finsternis zu zerspellen. Auf der Stelle schloß ich meine Augen, suchte erneut den Halbschlaf auf und gab mich den Eindrücken hin, die ich von unserer Reise in den Süden mit nach Hause gebracht hatte: die schroff ins Meer stürzenden Klippen der ligurischen Küste, der säuerliche Gestank des Mülls auf den Straßen von Marseille, die unerwartete Erscheinung eines blonden Engels auf dem Eselspfad zwischen Monterosso und Vernazza (gut 500 m über dem Meeresspiegel), das himmelschreiend barocke Grabmonument des Joseph Sec an den Pforten von Aix-en-provence, die Gänsefeder, die sich an meinem Wanderstab verfing, als ich über das Pflaster von Porto Venere spazierte, und dann das trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit weiter gleißende Licht an und über den Hängen des Luberon.

 

Und das war längst nicht alles, woran ich mich erinnerte, als ich zurück nach Deutschland kam. Während der Wagen durch die Eifel kutschierte, auf der B 51, in Dunkelheit und Nebel, wie gesagt, dachte ich an die Eschen von Muro, an die Friese links und rechts des Portals der Abteikirche von Salagon, an das Krächzen der beiden Raben über der Schlucht nahe Madonna di Reggio, an die Bank auf dem Vorhof des Musée Estrine in Saint-Rémy, an die betörende Stimme Friedas in der Hörspielfassung von Kafkas »Schloß«, an das Plätschern der von Moos überzogenen Brunnen von Lourmarin, an die vom Mistral auf der Domaine aufgewirbelten Staubwolken, an die rasende Abfahrt von Saignon nach Apt, an die Lektüre der Essays von Albert Camus (»Ich verabscheue nur die Henker.«), an die Schwärme hübscher Mädchen in der Altstadt von Aix, an das Widerspiel der Glocken von San Bernardino und Madonna di Reggio auf der Terrasse von Muro, an die vielen Büschel vertrockneten Thymians auf dem Weg nach Bonnieux (nahe den Bienenstöcken), an die Äusserung eines kleinen deutschen Mädchens beim Verlassen der Lartigue-Ausstellung in L'Isle-sur-la-Sorgue: »Ich werde nicht eine Bohrmaschine in der Hand halten.«, an die mächtigen, im Sturz ineinander verkeilten Felsbrocken, mit denen die Grotte Lord Byrons in Porto Venere übersät ist, an die aufwendig restaurierte Festung St. Jean am Alten Hafen Marseilles (der Vauban (wieder einmal Vauban) vor Zeiten den letzten Schliff verpasste), an das kleine Jesuskind mit dem Kreuze an einer der Säulen der Kathedrale von Aix, an die beiden, zwischen antiken Brunnen, Säulen und Skulpturen wie wild aufeinander losgehenden Ziegenböcke, an die kleine, unzugängliche, vom Heiligen Venerio, dem Schutzpatron der Leuchttürme, erschlossene Isola del Tino, an das hinreissende Porträt, das Jacques Henri Lartigue von Fanny Ardent schoss (Paris, Juni 1983), an die aufgerissenen Straßen von Vauvenargues unterhalb des St. Victoire, an den Felsen am Strand von Monterosso, auf dem Touristen Selfies schossen, und an anderes mehr...

 

Zurück aus dem Süden

Kneeb Wenedikt Kommandor: Die Sonne in der Weide | 2017

tado ink | 12.11.2017 | Logbuch
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